TBV - Journal

Juni 2023

 

Themenschwerpunkt:

Pflanzenschutz vor dem Aus? Geplante EU-Reduktionsstrategie droht Einsatz weiter einzuschränkenr

 
Inhalt:

Eröffnung Regionalmarktplatz Erfurt     3

Veröffentlichung Fachkräftestudie 2023     7

Tag der Landwirtschaft im Saale-Orla-Kreis     8

Mitgliederversammlung Arbeitgeberverband     12

 

Kommentar von Steffen Steinbrück, Vorsitzender des Fachausschusses Pflanzenbau und Umwelt im Thüringer Bauernverband

Süchtig nach Pflanzenschutzmitteln?

Eins ist wohl sicher: Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wird in der Zukunft für ökologisch und konventionell wirtschaftende Betriebe Europas gleichermaßen deutlich aufwändiger und restriktiver als er jetzt schon ist.

Die fachlichen und noch mehr die politischen Fronten sind verhärtet und sachliche Diskussionen finden wahrscheinlich nur noch hinter verschlossener Tür statt, um das Gesicht im aufgeheizten Kampf um die richtige Pflanzenschutzreduktionsstrategie zu wahren. Prominenteste Wortführerin ist Sarah Wiener. Die ehemalige Show-Köchin und heutige EU-Politikerin ist der Meinung, dass man Pflanzenschutz nicht den Konzernen überlassen dürfe. Das wäre, als würde man Süchtige darüber entscheiden lassen, ihre Dosis selbst zu bestimmen und zu reduzieren. Mit diesem Vergleich erntete sie zurecht deutliche Kritik, nicht nur aus der Agrarbranche.

Wenn Sarah Wiener den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln mit einer Sucht vergleicht, dann offenbart das eher, wie ideologisch sie auf die Arbeit konventioneller Landwirte blickt. Es zeigt zugleich, wie abgehoben manche Akteure in Brüssel sind, wenn es um landwirtschaftliche Themen geht. Beim Thema Reduktion von Pflanzenschutzmitteln geht es um viel: Die chemischen Mittel sollen nach der Verordnung mit dem sperrigen Begriff „Sustainable Use Regulation“ (SUR) pauschal um mindestens die Hälfte gesenkt werden. Viele EU-Länder fordern dafür nun eine neue Folgenabschätzung. Was aber bedeutet die von Brüssel vorgeschlagene radikale Reduzierung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes? Ein Gutachten, welches der Deutsche Bauernverband in Auftrag gegeben hat, zeigt auf, dass im Falle der Umsetzung auf Standorten mit hohem Ertragspotenzial Einkommensminderungen von 50 Prozent zu erwarten sind. Auf schwächeren Standorten wäre Ackerbau mittelfristig nicht mehr wirtschaftlich tragfähig. Auch Futterbaubetriebe müssten je nach Flächenausstattung und Pflanzenschutzintensität mit Ertragsminderungen und somit Grundfutterknappheit rechnen. Im Angesicht dieser zu erwartenden Folgen, bleibt zu hoffen, dass die Zahl kritischer Nachfragen aus den Reihen der Europaabgeordneten stetig zunimmt und die Diskussion um die Pflanzenschutzreduktionsstrategie auf ein sachliches Niveau zurückgeholt werden kann.

Beim Ringen um das richtige Maß im Pflanzenschutz braucht niemand ideologische Lautsprecher. Was zählt sind pragmatische Wege, die mit Augenmaß entwickelt und umgesetzt werden. Diesem Ziel dient auch ein gemeinsames Schreiben der ostdeutschen Landesbauernverbände an die Mitglieder des Europäischen Parlaments über die Auswirkungen der SUR, das der Thüringer Bauernverband federführend erarbeitet hat.

Für mich steht fest: Die mit der Verordnung vorgeschlagene Reduktionsstrategie ist völlig überzogen und zeigt einmal mehr, wie realitätsfern, die Brüsseler Politik oft agiert. Sie führt zu einer maximalen Verunsicherung unserer Landwirtinnen und Landwirte und das in einer Zeit, die ohnehin schon von vielen Ängsten und Sorgen geprägt ist. So plagen wir uns als Ackerbauern spätestens seit der mit dem Klimawandel zunehmenden Trockenheit und dem Ruf nach mehr Biodiversität damit, wie wir diese Herausforderungen auf unseren Feldern meistern können.

Unsere Betriebe vor Ort sorgen trotz all dieser schwierigen Umstände für qualitativ hochwertige und regionale Produkte, auf die wir zurecht stolz sein dürfen. Wir müssen alles tun, damit das auch weiterhin möglich bleibt.

  

 

Juli 2023

 

Themenschwerpunkt:

Anspannung und Ungewissheiten zum Erntebeginn - Positiver Trend des Jahresbeginns gestoppt

 
Inhalt:

Auswertung Antragstellung und Diskussion um Ökoregelungen                            6

Flächenverluste durch A&E-Maßnahmen können vermieden werden                   7

Flurfahrten                                                                                                               8

SVLFG - Grundsätzliches zum MiFa (Teil I von III)                                                   14

 

Wie ist die Lage der Landwirte zu Beginn der Ernte?

Kommentar von Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes

Zum jetzigen Zeitpunkt müssen wir von einer unterdurchschnittlichen Ernte bei erneut erheblichen regionalen Unterschieden ausgehen. In vielen Landesteilen haben die lange Trockenheit im Mai und Juni starke Schäden in den Beständen verursacht. Die regionalen, jüngsten Niederschläge sind für das Getreide vielerorts zu spät gekommen. Die seit Jahren rückläufigen Erträge zeigen, dass es für politisch verordnete flächendeckende Extensivierungen der Produktion keinen Spielraum gibt. Große Sorge bereitet mir der anhaltende Flächenverlust durch Siedlungsbau und Infrastrukturmaßnahmen. Dieser muss wirksam bekämpft werden. Bauernland gehört in Bauernhand!

 

Kommentar von Gerd Hallbauer, Fachausschussvorsitzender Pflanzenbau und Umwelt im Thüringer Bauernverband

Früher Start und kleine Körner im Tank, so lässt sich wohl am besten der Beginn der Ernte 2023 beschreiben. Die Bestände der Winterungen haben sich aufgrund regelmäßiger Niederschläge und moderaten Temperaturen überwiegend gut entwickelt. Nach ausreichenden Niederschlägen im ersten Quartal, gestalteten sich der Mai und Juni jedoch wieder viel zu trocken. Danach gab es partiell starke Niederschlagsereignisse, die teilweise gut in den Böden versickert sind und so den Kulturen zur Verfügung stehen. Eine genaue Ertragsabschätzung ist aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt äußerst schwierig. Und neben den noch unklaren Ernteprognosen und den nicht abschätzbaren Wetterlagen, werden in Brüssel Entscheidungen getroffen, die unsere heimische Landwirtschaft zu Lasten einer "grünen Insel" in der Welt opfern – eine EU-Pflanzenschutzreduktionsstraegie ein EU-Renaturierungsgesetz – wo führt das alles nur hin? Ungewisse Zeiten, in denen die Geschlossenheit unseres Berufsstandes wieder mehr denn je gefragt ist.

  

 

September 2023

 

Themenschwerpunkt:

Das Wetter spielte nicht mit. Dauerregen zur Erntezeit verhagelt die diesjährigen Ergebnisse

 
Inhalt:

Rechtsgutachten zum Agrarstrukturgesetz    3

GAK-Fördermittel: Kürzungen drohen    6

Flurfahrt mit Ministerpräsident    8

Agrarausschuss zu Besuch im Schweinestall    11

 

Vor und nach dem Regen

Kommentar von Gerd Halbauer, Vorsitzender des Fachausschusses Pflanzenbau im Thüringer Bauernverband

Die Ernte 2023 war ein Auf und Ab der Gefühle. Anfangs, dank angemessener Regenmengen und moderater Temperaturen im Frühjahr, wuchsen das Getreide und die Kulturen in weiten Teilen unseres Freistaates vielversprechend, und die Erwartungen auf ordentliche Erträge stiegen. Doch dann folgte, was angesichts der damaligen Lage eigentlich niemand erwartet hatte: In den entscheidenden Monaten für die Ertragsbildung mangelte es erneut an Regen. Einige erinnerten sich schon an die Dürrejahre 2019 und 2020, als unsere Ackerflächen schwer unter extremer Trockenheit litten. Das Getreide vertrocknete auf den Feldern, der Mais blieb vielerorts kurz und die Erträge waren aufgrund des Wassermangels katastrophal.

Nach Trockenheit und reichlich Sonnenschein, während die Gerstenernte bereits weit fortgeschritten war, begann sich das Wetter abermals zu drehen. Es regnete wochenlang nahezu täglich mal mehr, mal weniger im ganzen Freistaat. Im August verzeichnete der Standort Buttelstedt bereits über 160 mm Niederschlag, im Gegensatz zum langjährigen Durchschnitt von 1961 bis 1990 mit nur 62 mm. Wären diese Regenschauer im Mai und Juni gekommen, wir würden heute ganz anders über die Ernteergebnisse reden können.

Dadurch begann ein wahrer Wettlauf der Mähdrescher. Jede noch so kleine Trockenperiode musste genutzt werden, um das Getreide und den Raps zu ernten. Dies erinnerte stark an das Jahr 2021, als die Erträge äußerst bescheiden waren und der Weizen aufgrund seiner schlechten Qualität rapide abbaute.

Das Ergebnis nach dem Regen war für viele von uns wenig erfreulich: Große Mengen an Weizen taugten nur noch für den Futtertrog. Die Vorstellung, aus diesem Futterweizen qualitativ hochwertiges Brot herzustellen, ist unrealistisch. Handwerksbäcker vor Ort und große Industriebäckereien haben keinen Bedarf an minderwertigem Getreide. Sie sind auf konstant hohe Qualitätsstandards angewiesen.

In der Vergangenheit konnte minderwertiger Weizen immer noch zu hochwertigem tierischem Eiweiß verarbeitet werden, das für Menschen jeden Alters von Bedeutung ist. Leider gibt es jedoch seit Jahren keine erfreulichen Nachrichten aus der Nutztierhaltung. Rückläufige Tierbestände in Thüringen, wohin man schaut.

Viele sehen sich angesichts der rechtlichen Unsicherheiten und der tierwohlbedingten hohen Investitionskosten gezwungen, ihre Nutztierhaltung teilweise oder komplett aufzugeben.

Da sich dieser Trend absehbar nicht umkehren wird, ist es entscheidend, nach alternativen Möglichkeiten in der Pflanzenproduktion zu suchen. Welche Kulturen können in die Fruchtfolge integriert werden? Ist die Vermehrung von Saatgut eine Option? Welche Kulturen können in der Region vermarktet und verarbeitet werden? Mit welchen Partnern können Kooperationen geschlossen werden? Dies sind alles wichtige Fragen, die es sich lohnt zu stellen, auch wenn es in der aktuellen Zeit durch Verpflichtungen wie Portia oder die FANApp schwierig sein mag, eine freie Minute zu finden. Doch das ist ein Thema für sich. Nach der Ernte ist vor der Ernte, und wir werden weiterhin alles daransetzen, qualitativ hochwertige Produkte auf unseren Acker- und Grünlandflächen zu produzieren und gleichzeitig Kultur- und Landschaftspflege zu betreiben. Dabei müssen wir uns auch weiterhin mit den wechselnden Wetterbedingungen auseinandersetzen, die infolge des Klimawandels weniger berechenbar sein werden als früher. Deshalb sollten die Sorten nach dem Spektrum aller Eigenschaften und nicht nur nach dem Ertrag ausgewählt werden.

Trotz der ganzen Unbill sollte man seinen Optimismus nicht verlieren, gerade wenn man auf das aktuelle Wetter schaut. Denn wie heißt es so schön: „September warm und klar, verheißt ein gutes nächstes Jahr.“ 

 

Oktober 2023

 Themenschwerpunkt:

Superwahljahr 2024: Politisches Engagement ist das Gebot der Stunde

 
Inhalt:

75 Jahre Deutscher Bauernverband    3

Landeserntedankfest    6

Erntdank aus Südthüringen    8

Landesbauernball 2023    14

 

Superwahljahr 2024: Politisches Engagement ist das Gebot der Stunde

Kommentar von Udo Große, Vizepräsident des Thüringer Bauernverbandes

Im Jahr 2024 werden die Thüringer Wählerinnen und Wähler mehrfach zu den Wahlurnen gerufen. Bei Kommunalwahlen, der Europawahl und schließlich der Landtagswahl gilt es entsprechende Voten abzugeben. Es ist zu wünschen, dass sehr viele Bürgerinnen und Bürger von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen und mit ihrer Stimmabgabe ihrem Wunsch nach politischer Stabilität und einer den Interessen der Menschen zugewandten Politik Nachdruck verleihen.

Wählen bedeutet, eine Auswahl zu treffen zwischen verschiedenen Programmen, politischen Anschauungen und Personen. Grundlegende Voraussetzung dafür ist jedoch das Vorhandensein geeigneter Alternativen. Der aufmerksame Leser wird an dieser Stelle zurecht vermuten, dass ich damit beim eigentlichen Thema angekommen bin.

Wir Landwirtinnen und Landwirte müssen neben unserem aktiven Wahlrecht auch noch viel stärker unser passives Wahlrecht ausüben. Gerade im Bereich der kommunalen Parlamente sind wir geradezu prädestiniert dafür, Mandate zu erringen und auszuüben. Wir Landwirtinnen und Landwirte sind durch unsere Tätigkeit öffentlich sichtbar und durch zahlreiche Berührungspunkte mit den Menschen in unserer Umgebung vielfach im Gespräch. Wir sind in unseren Heimatorten das Gesicht der Landwirtschaft und in vielen Bereichen des kommunalen und gesellschaftlichen Lebens als Unterstützer und Problemlöser bekannt. Mit diesen Eigenschaften kann man Wählerinnen und Wähler überzeugen und in den entsprechenden Gremien ideologischen Weltverbesserern und politischen Irrlichtern jeglicher Couleur etwas entgegensetzen.

Es ist unbestritten, dass auf kommunalpolitischer Ebene keine grundlegenden politischen Richtungsentscheidungen zu treffen sind. Dennoch stehen auch in diesem Bereich häufig Beschlüsse an, die die vitalen Interessen der Landwirtschaft und der Landbevölkerung betreffen und unbedingt einer kritischen Begleitung durch landwirtschaftliches Fachpersonal bedürfen.

Diese Aussagen werden ohne Abstriche durch meinen persönlichen Erfahrungshorizont gestützt. Eine mehr als 30jährige ehrenamtliche Tätigkeit als Gemeinderat und später auch als ehrenamtlicher Bürgermeister und Kreistagsabgeordneter haben mir einen tiefen Einblick in kommunalpolitische Entscheidungsabläufe ermöglicht. Die Anfänge meines Engagements reichen zurück in die Zeit der Wende und des politischen Neuanfangs. Beeinflusst durch Vorbilder im familiären Bereich und getragen von einer gewissen Euphorie über die gewonnenen Möglichkeiten ging es damals an die Aufgaben heran. Selbstverständlich war auch die Interessenvertretung der Bäuerinnen und Bauern im schon damals schwierigen Transformationsprozess ein wichtiger Antrieb.

Zur Wahrheit gehört an dieser Stelle aber auch das Eingeständnis, dass politisches Engagement Härten und Rückschläge beinhalten kann. Oft sind Gestaltungsspielräume nur begrenzt und man muss bereit sein, seine persönliche Komfortzone zu verlassen. Das aber macht die erreichten Erfolge am Ende noch wertvoller. Deshalb lautet mein uneingeschränktes Fazit: Es lohnt sich in vielerlei Hinsicht, politisch aktiv zu sein.

Ich appelliere deshalb an den gesamten Berufsstand, sich für die bevorstehenden Wahlen als Kandidatin oder als Kandidat zur Verfügung zu stellen. Es muss uns gelingen, möglichst viele Persönlichkeiten aus unseren eigenen Reihen zu gewinnen, um möglichst viele Mandate besetzen zu können. Mehr politisches Engagement des Berufsstandes ist das Gebot der Stunde. Wir müssen und können mehr tun.

 

November 2023

Themenschwerpunkt:

Direktvermarktung unter Druck. Hohe Kosten, steigende Anforderungen und weniger Geld bei der Kundschaft

 
Inhalt:

Interview mit Simone Hartmann    5

Veredlungstag des Deutschen Bauernverbandes    7

Exkursion nach Berlin und Brandenburg    9

Ausbildungsbörse der Landjugend    12

 

Direktvermarktung – bald nur noch ein Traum der Politik?

Kommentar von Dr. Wolfgang Peter, Vorsitzender des TBV-Fachausschusses Familienbetriebe/GbR

Sie haben einen schönen Traum. Landwirte produzieren Getreide, Ölpflanzen, Kartoffeln, Obst, und Gemüse, machen duftendes Heu und veredeln all diese Sachen noch auf verschiedenen Wegen, z.B. im Stall zu Milch, Fleisch und Eiern oder mit der Mühle und Trocknung zu Öl und Tee. In Bewahrung alter Thüringer Traditionen entstehen auch noch die über die Grenzen bekannten Brat- und Kochwürste. Alles auf kurzen Wegen, vielleicht sogar alles auf einem Hof – nachhaltig, regional und manchmal bio. Den begeisterten Stadtmenschen ist kein Weg zu weit, wissen sie doch, was Frische, Geschmack, handwerkliche Qualität wert sind. Da steht man gern einmal Schlange.

Da klingelt der Wecker! Beim Direktvermarkter – heute wieder eine Stunde früher. Schweine müssen zum Schlachten gefahren werden. Zum Glück, denkt der Landwirt, habe ich noch eine Möglichkeit gefunden (wieder 20 km weiter), nachdem der Nachbar seine EU-zugelassene Schlachtstätte aus wirtschaftlichen Gründen schließen musste. Ganz jung ist das Personal bei dem anderen Kollegen aber auch nicht. Hoffentlich denke ich heute Abend an die Abmeldung in der HIT-Datenbank. Muss fragen, ob die Schlachtstätte eine eigene Nummer hat. Was, wenn nicht? Eigentlich hatte ich ja einen Antrag auf teilmobile Schlachtung im eigenen Betrieb gestellt, höchstes Tierwohl usw., aber das wird wohl in Thüringen nichts werden. So viele Amtstierärzte dafür gibt es nicht.

Zurück im Betrieb steht schon ein Mann mit Dienstausweis vor der Tür. Mist, das Eichamt, wieder die Frist zur Anmeldung der gebrauchten Ladenwaage verpasst. Die ersten Kunden sind schon im Hofladen. Schon wieder Preisdiskussionen, dabei geht es doch allen gleich: Energie, Löhne, Verpackungskosten sind erneut gestiegen, nicht zu vergessen Remondis. Und wenn sie wüssten, wer noch alles etwas vom Kuchen haben will: Duales System, Pfandregister, Barcodegebühren, TSE-Kassensystem, Hosting usw. Dabei würde ich lieber mal meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern etwas auf den Lohn drauflegen – aber wovon? Wenn meine Kunden wüssten, dass ich meinen Kolleginnen und Kollegen den Inflationsausgleich noch nicht vollständig auszahlen konnte, würden sie an der Theke bestimmt großzügig aufrunden.

Da ruft das Veterinäramt an. Bei einer Stichprobenkontrolle wurde festgestellt, dass die Schriftgröße auf einem Etikett zu klein ist. Ich sage, die vorgeschriebenen Infos passen nicht mehr auf die Verpackung – zählt nicht, können ja Beipackzettel machen.

Eigentlich möchte ich investieren und alles moderner machen. Habe mich auch schon mit den Förderprogrammen befasst. Oh, neues Portal bei der Bank – alles wird einfacher. Schließlich kenne ich mich schon aus mit der Ausweis-App und dem Elster-Zertifikat. Ernüchterung, am Ende entsteht eine Datei zum Ausdrucken und Unterschreiben. Liebe Leute, denke ich, eine pdf-Datei ist ein Brief ohne Briefmarke, aber noch keine Digitalisierung! Ich rufe meinen Bänker an und spreche über mein Vorhaben. Der erzählt mir was von Nachhaltigkeit und fabuliert darüber, dass er noch nicht weiß, wie er die verbauten Wassersparhähne kontrollieren soll. Da verstehe ich langsam den Frust anderer Direktvermarkter, die schon den Schlussstrich gezogen haben oder dieses beabsichtigen.

Ich weiß nicht, wie laut der Wecker bei Politik und Verwaltung klingeln muss, damit auch sie aus dem Traum aufwachen. Aber ich hoffe, sie tun es bald! Ansonsten kann der Slogan Wertschöpfung in der Region, für die Region eingemottet werden.

Einen genussvollen Jahresausklang! 

Dezember 2023

Themenschwerpunkt:

Rückblick 2023. Ein schwieriges Jahr geht zu Ende – Bauernverband bleibt gefordert

 

Inhalt:

Jahresrückblick    4 bis 7

Gemeinschaftstagung Tierärzte/Landwirte    9

Zukunft der Thüringer Schweinehaltung    10

Innovationsforum 2023    16

 

Das Jahr hat viel Puste gebraucht

Kommentar von Katrin Hucke, Hauptgeschäftsführerin des Thüringer Bauernverbandes

Die Luft ist raus. Das Jahr hat viel Puste gebraucht, sowohl für die Landwirte als auch für den Verband. Angefangen mit den neuen Regelungen zur GAP, der Einführung von PORTIA, über die nicht enden wollenden Probleme mit der richtigen Meldung der Flächen und deren Bewirtschaftung, bis hin zur Nachweisführung mit der FAN-App. Als Verband führten wir deshalb zahllose Diskussionsrunden in Ministerium und Landesamt, versuchten eine Vielzahl offener Fragen zu beantworten. Am Ende stockte uns kurz der Atem, nachdem Sachsen angekündigt hatte, dass die Gelder bis Jahresende nicht ausgezahlt werden können. In Thüringen sieht es wohl besser aus. Gelingt es, ist alles gut, klappt es nicht, drohen zahlreiche Betriebe in Turbulenzen zu geraten und ein heißer Januar stünde ins Haus.

Aber auch das Wetter spielte 2023 nicht wirklich mit: Erst war es zu feucht, so dass die Frühjahrsarbeiten vielerorts nur verspätet durchgeführt werde konnten. Dann fiel wochenlang überhaupt kein Regen mehr und ein erneutes Dürrejahr schien vor der Tür zu stehen. Stattdessen folgten Dauerregen und eine verregnete Erntezeit. Das alles kostete Energie, zerrte an den Nerven. Auf politischer Ebene löste ein problematisches Thema das nächste ab und ließ im Verband die Alarmglocken schrillen. So bescherte uns im März unsere Landesregierung einen Entwurf für ein Agrarstrukturgesetz. Nach einer genauen Analyse und einem von uns in Auftrag gegeben Gutachten zeigte sich, dass dieses in weiten Teilen verfassungswidrig war. Anfang Dezember gelangte es trotzdem zur ersten Lesung in den Landtag, eine Unverfrorenheit, angesichts der rechtlichen Unzulänglichkeiten. Auch der geplante Umbau der Nutztierhaltung beschäftigte uns das gesamte Jahr, angefangen mit dem Schweinegipfel Anfang Februar. Die Entwicklung war und ist hier äußerst ernüchternd. Auf Bundesebene verweigerte der Finanzminister das Geld, so dass die Borchert-Kommission schließlich entnervt aufgab, in der Landespolitik werden die Sorgen der Tierhalter verstanden, es stehen aber keine Handlungsoptionen zur Verfügung. Stark gestiegene Kosten für die Tierkörperbeseitigung in Thüringen haben die Lage zusätzlich verschlechtert.

Einen Hype gab es rund um den Ausbau der Photovoltaik. Zahlreiche Betriebe sahen sich mit mehr oder weniger seriösen Anfragen konfrontiert. Als Verband haben wir versucht, die Betriebe hierfür fit zu machen und die drängendsten Fragen zu beantworten. Mit einer Positionierung haben wir den Rahmen abgesteckt, um die zukünftige Entwicklung zu begleiten.

Auch die Diskussion über die Angriffe von Wölfen auf Weidetiere, die Grundsteuerreform und die Pflanzenschutzstrategie der EU (SUR) verfolgten uns das ganze Jahr. Während es für einige Themen absehbar keine Lösung zu geben scheint, landete zumindest die SUR zunächst im Mülleimer der Geschichte, nachdem das Europäische Parlament nein sagte. Letzteres ist ein Erfolg des Deutschen Bauernverbandes aber auch der Landesverbände, die nicht lockergelassen und sich vehement gegen die unsinnigen Pauschalverbote gestemmt hatten. Das Jahr hat gezeigt, dass die Geschäftsstelle gut aufgestellt ist. Ohne das Ehrenamt geht es aber nicht. Wir brauchen Landwirtinnen und Landwirte, die Gesicht zeigen, die bei den immer zahlreicher werdenden Fragestellungen unsere Argumente unterstützen und ihre Geschichten erzählen. Nur zusammen können wir auch im neuen Jahr erfolgreich sein und der Landwirtschaft in den anstehenden Wahlkämpfen Gehör verschaffen.

Die bevorstehende Weihnachtszeit bietet uns allen die Möglichkeit, etwas zur Ruhe zu kommen und neue Kraft zu schöpfen. Wir werden sie brauchen.

 

 

Januar 2024

Themenschwerpunkt:

Bauernproteste. Sparpläne der Bundesregierung zu Lasten der Landwirtschaft

 

Inhalt:

Protestaktionen 3

Was sich ändert und auf uns zukommt (Teil 1) 4 bis 5

Tierkörperbeseitigung 6

Unternehmerinnen-Netzwerktreffen 13

 

Wir machen weiter

Kommentar von Dr. Klaus Wagner, Präsident des Thüringer BauernverbandesKommentar von Dr. Klaus Wagner, Präsident des Thüringer Bauernverbandes

Als ob wir im letzten Jahr nicht schon genug ertragen mussten – neue Regelungen zur GAP, die Einführung von PORTIA, die FAN-App, das geplante Agrarstrukturgesetz, gestiegene Kosten bei der Tierkörperbeseitigung, der Wolf, der den Weidetierhaltern immer mehr zu schaffen macht, die Grundsteuerreform und unser Dauerthema Wetter. Letzteres können wir nicht beeinflussen, wir haben gelernt damit umzugehen und passen uns nach bestem fachlichen Wissen an. Alle anderen Sorgen, die uns im letzten Jahr umgetrieben haben, sind von Menschen gemacht. Von Menschen, die teilweise keine Ahnung von unserem Beruf haben. Also müssen wir als Verband, als Landwirte immer wieder auf politische Entscheidungsträger einwirken, unser Fachwissen anbieten und einbringen, um das wir nicht mit noch mehr teilweise unsinnigen Auflagen, Belastungen, Streichungen und Gesetzesvorhaben in unserer Arbeit reglementiert zu werden. Und das machen wir, meist mit Erfolg, wie das letzte Jahr auch gezeigt hat. Und gerade wenn man denkt, einen Stein aus dem Weg geräumt, die Politik wieder etwas näher bei sich zu haben, schlagen ganze Felsbrocken wieder auf unseren Berufsstand ein und man fragt sich erneut, wie politische Entscheidungen nur so weit weg sein können von der Realität und Praxis.

Im Dezember verkündete die Ampel-Koalition, die Steuerentlastung für Agrardiesel und die Kfz-Steuerbefreiung für land- und forstwirtschaftliche Fahrzeuge abzuschaffen und begründete die Pläne mit dem Abbau klimaschädlicher Subventionen, die Teil der Haushaltskonsolidierung nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts sind. Diese Streichungen bedeuten zusammen mit der CO₂-Emissionsabgabe für die Landwirtschaft in Deutschland einen Wettbewerbsnachteil von einer Milliarde Euro. Diese irrsinnige Entscheidung, mit der nun aus dem ländlichen Raum eine Milliarde Euro gepresst werden soll, ließ uns sofort auf die Straße gehen. Mit Nachdruck und in großer Zahl war der Berufsstand wenige Tage nach dieser Verkündung in Berlin zu einer Demonstration zusammenkommen, um der Bundesregierung zu sagen „Genug ist genug, es reicht!“.

Um uns wieder etwas ruhig zu stellen, nahm die Ampel-Koalition die geplanten Kürzungen teilweise zurück. Doch das reicht uns nicht. Wir sind auf die Straße gegangen, um die Rücknahme beider Streichungen zu erwirken. Wir sind auf die Straße gegangen, weil wir es nicht hinnehmen können, dass uns an allen Ecken und Enden Gelder gestrichen, ständig neue Auflagen aufgedrückt werden, um uns dann vorwerfen zu lassen, dass in schweren Zeiten jeder seinen Beitrag leisten muss? Unser Berufsstand hat in den vergangenen Jahren genug zurückstecken müssen. Wir leisten unseren Beitrag, täglich, für das Gemeinwohl, für die Gesellschaft. Und in der Gesellschaft haben wir mit unseren Protesten, die nun seit Dezember anhalten und wie angekündigt in einer nie dagewesenen Präsenz und Härte umgesetzt werden, Zustimmung gefunden. Hier wird uns Respekt und Anerkennung, gar Unterstützung, Solidarität gezeigt. Davon ist diese Bundesregierung weit entfernt. Losgelöst von den Bürgern dieses Landes, scheint es als schweben die politischen Entscheidungsträger nur noch über uns.

Wir machen weiter mit unseren Protesten, bis die Bundesregierung ihre Bodenhaftung wieder gefunden hat und bereit ist, unseren Berufsstand als das zu sehen, was wir sind – Energiewirt, Nuturschützer, Tierschützer, Landschaftspfleger, Erzeuger von hochwertigen Rohstoffen für Lebensmitteln – ein essentieller Teil der Gesellschaft, mit dem man so nicht umgeht.

 

 

Thüringer Bauernverband e.V.
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