TBV - Journal

Mai 2024

Themenschwerpunkt:

Landwirtschaft, Natur- und Artenschutz

Zukunfstweg Landwirtschaft und Biodiversität

 

Inhalt:

Austausch in der Thüringer Vertretung    6

TBV-Veranstaltung zur TA-Luft                7

Exkursion der RGS Mitte                          9

Modell Solidarische Landwirtschaft          12

 

 

Zurück zum Anfang

von Steffen Steinbrück, Vorsitzender des Fachausschusses Umwelt beim Thüringer Bauernverband

Der Sprung nach vorn oder zurück zum Anfang? Was auf europäischer Ebene keinen Zuspruch findet, soll nun auf nationaler Ebene durchgedrückt und umgesetzt werden: Die Rede ist vom Zukunftsprogramm Pflanzenschutz des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft.

Mit diesem möchte Minister Cem Özdemir die Landwirte endlich dazu bringen, mit deutlich weniger Pflanzenschutzmitteln als bisher gleiche Qualitäten und Erträge in der Landwirtschaft zu erzielen – ein Paradoxon, wenn man mich fragt.

Deswegen hat das Zukunftsprogramm Pflanzenschutz, wie es offiziell heißt, diesen Namen auch nicht verdient. Es ist vielmehr ein Verbotsprogramm. Die gescheiterte Reduktionsstrategie der EU namens SUR (Sustainable Use Regulation – Pflanzenschutzreduktionsstrategie) wurde aufgewärmt und für Deutschland neu aufgeschrieben. Damit sind wir wieder dort angekommen, wo wir schon einmal waren: bei Verboten, Regulierungen und praxisferner Gängelei. Für mich heißt das ganz klar: Zurück zum Anfang. Im Gegensatz dazu haben einige Bundesländer bereits vor ein paar Jahren den Sprung nach vorn gewagt. Mit Kooperationen zwischen Landwirtschaft und Natur- und Umweltschutzverbänden soll aktiv die Natur geschützt und gleichzeitig eine produktive Landwirtschaft ermöglicht werden. Allen voran ist hier Niedersachsen zu nennen. Dort wurde eine breite Koalition zwischen Politik, Natur- und Umweltschutz sowie Landwirtschaft gebildet mit dem Ziel, durch Kooperationen und freiwillige Maßnahmen der Landwirtschaft viele positive Effekte im Umwelt- und Naturschutz zu erreichen.

Der „Niedersächsische Weg“ ist mittlerweile ein Erfolgsmodell – trotz aller anfänglicher Kritik und Skepsis. Thüringen hat sich aus eigenem Antrieb, vor allem aus dem Berufsstand heraus, genau wie einige weitere Bundesländer die niedersächsische Lösung zum Vorbild genommen, in manchen Ländern war ein Volksentscheid Treiber solch einer Kooperation. Im nächsten Schritt soll dieses Modell des freiwilligen und konstruktiven Miteinanders nun mit Leben erfüllt werden.

Wir nehmen wahr, dass die Gesellschaft auch von der Landwirtschaft ein noch stärkeres Engagement in Sachen Natur- und Umweltschutz erwartet. Dass die konkreten Vorstellungen dabei oftmals weit von der Realität abweichen, ist uns und Ihnen aber ebenfalls bewusst. Doch wie soll die moderne Landwirtschaft künftig unter den weiter wachsenden wirtschaftlichen Zwängen eines globalen Marktes zusätzlich immer stärker die Natur schützen? Durch Verbote, Regulierungen und Verordnungen jedenfalls nicht, dass steht fest – auch wenn das in manchen Lobbyverbänden und Parteien besonders gern gesehen würde. Mit dem „Zukunftsweg Landwirtschaft und Biodiversität“ soll stattdessen ein Dialogforum geschaffen werden, bei dem sich Natur und Umweltschutzverbände mit der Landwirtschaft
austauschen und gemeinsame Lösungen finden können. Dabei braucht es keine Verbote, sondern vielmehr Vertrauen und Kooperation. Eine Form des Zusammenlebens, die derzeit auf Bundesebene leider selten zu finden ist.

 

 

Juni 2024

Themenschwerpunkt:

Landwirtinnen und Landwirte stellen sich zur Wahl

Politisches Engagement im Superwahljahr 2024

 

Inhalt:

Ergebnisse der Sonder-AMK                 3 

Arbeitsgruppen Bürokratieabbau          6/7

Fachausschüsse                                   7/8

Neuer Vorstand                                    8 

 

Uns Landwirtinnen und Landwirten wird Vertrauen geschenkt 

von Udo Große, Vizepräsident des Thüringer Bauernverbandes

Mit den Kommunalwahlen sind wir insSuperwahljahr 2024 gestartet und es hat sich wieder einmal gezeigt, Landwirte übernehmen Verantwortung – zahlreich haben Sie sich in Ihren Gemeinden, Städten und Kreisen zur Wahl aufstellen lassen. Sie engagieren sich damit ehrenamtlich, manchmal auch hauptamtlich, übernehmen Verantwortung für sich und ihre Familien, für ihre Höfe, für ihre Orte und Ortschaften in denen sie leben, für die Menschen,
die dort zu Hause sind. Landwirte wollen mit am Tisch sitzen, wenn Entscheidungen getroffen werden, wollen gestalten und verändern. Sie wollen ihre Ideen und Visionen einbringen. Unsere Gesellschaft musste in den vergangenen Jahren einiges aushalten und muss es weiter lernen damit umzugehen: Die Pandemie, Kriege, die damit einhergehende Infl ation, politische Gemengelagen. Unsere so genannte Wohlstandgesellschaft ist ins Straucheln geraten. Dass hat auch neuen politischen Parteien und Fraktionen die Gelegenheit gegeben sich zu gründen. Der Wähler hat nun noch mehr Optionen – zwischen klassisch rechts, links, Mitte, liberal, konservativ gibt’s im Superwahljahr 2024 vielmehr. Dass macht es dem Wähler manchmal nicht leichter, seine Entscheidung an der Urne zu treffen.

Bei der Wahl zum neuen Kreistag des Saale-Holzland-Kreises bin ich selbst mit Berufskollegen mit eigener Fraktion zur Wahl angetreten. Über die Liste „Bauernverband“ haben wir es zur zurückliegenden Kommunalwahl geschafft, von vier auf fünf Sitze im Kreistag zu erhöhen. Ein tolles Ergebnis, dass uns darin bestärkt, dass sich die Landwirtinnen und Landwirte an politischer Arbeit beteiligen sollten, wo es geht. Seit der Gründung des Saale-Holzland-Kreises sind wir Landwirte im Kreistag kontinuierlich mit einer eigenen Fraktion vertreten – seit 1994 schenken uns die Wähler das vertrauen. Einige von ihnen wählen uns, so wurde mir gesagt, weil wir Landwirte für Kontinuität, Stärke, Robustheit und Zuverlässigkeit stehen. In unruhigen Zeiten, nicht die schlechtesten Eigenschaften, die uns zugesprochen werden.

Dieses Grundvertrauen, dass bei den Wählern uns Landwirtinnen und Landwirten gegenüber da ist, sollten wir nutzen. Viele von uns engagieren sich bereits politisch, übernehmen Verantwortung und dass ist lobenswert, aber es können auch gern mehr werden. Den Schritt in die Politik sollte man wagen – ob in den Gemeinde-, Stadträten, Kreis- oder im Landtag – mitreden und sich einbringen ist besser, als anderen die Entscheidung zu überlassen und dann zu schimpfen.

In diesem Sinne danke ich allen, die sich zur Wahl aufstellen lassen haben oder das noch vorhaben und wünsche allen, die gewählt worden sind, eine erfolgreiche Legislatur – der Berufsstand erkennt Ihr Engagement hoch an.

 

 

Juli 2024

Themenschwerpunkt:

Erneuerbare Energien sind mehr als Sonne und Wind

Innovativ in die Zukunft mit Biogas

 

Inhalt:

Geschafft: Tierkörperbeseitigungskosten   3

Agri-PV                                                    6

Afrikanische Schweinepest                        7

Flurfahrten                                               9

 

Bioenergie kann das, was Wind und Sonne nicht können

von Toralf Müller, Vizepräsident des Thüringer Bauernverbandes

Viele reden vom menschengemachten Klimawandel und sehen die Lösung des Problems im Ausstieg aus den fossilen Energieträgern, mit dem Ziel, bis 2045 den Energiebedarf zu 100 Prozent aus Erneuerbaren Energien zu decken. Leider setzen dabei die sogenannten Experten komischerweise nur auf Sonne und Wind. Dazu wurden in den vergangenen Wochen und Monaten die Ausbauziele neu defi niert, sowohl für den Ausbau der Windenergie, als auch für die Photovoltaik sollen jeweils mindestens zwei Prozent der Landesfl äche als Ausbauflächen ausgewiesen werden. Bei all diesen Plänen spielt für die Politik in Berlin dieBioenergie keine Rolle. Dabei kann gerade Bioenergie das, was Wind und Sonne nicht können, grundlastfähig und steuerbar Energie erzeugen sowie Energie auch speichern. Und ganz nebenbei kann auch erneuerbare Wärme bereitgestellt werden. Vom Netzausbau will ich erst gar nicht reden. Der hinkt ganz gewaltig hinterher. Ein teilweise total überlastetes Verteilnetz lässt im Moment kaum neue Projekte zu. Der Ausbau wird sich nicht nur aufgrund enormer Kosten sowie des Materialbedarfs und Personalmangels verzögern, auch die momentanen Genehmigungsverfahren und die vielen Bürgerbegehren lassen wenig Optimismus für eine Beschleunigung.

Über manche politische Entscheidung in Berlin kann man einfach nur noch den Kopf schütteln. Deutschland hinkt seinen gesteckten Zielen weit hinterher und ich glaube nicht, dass wir so 2045 100 Prozent erneuerbar sind. Auf Bundesebene fehlt mir bei den Regierungsvertretern der echte Wille, die Energiewende mit Tempo in schnelles Fahrwasser zu bringen. Wir brauchen Stellschrauben, wo auch wir als Landwirte sowohl im Bereich Biogas als auch Photovoltaik eine Perspektive haben. Die Energiewende funktioniert nur im Einklang aller drei Erneuerbaren. Thüringen wählt dieses Jahr im September eine neue Landesregierung. Die Karten werden neu gemischt. Ist das eine Chance? Ich bin der Meinung, dezentrale Energieerzeugung und damit regionale Wertschöpfung ist für unsere Branche die Lösung. Bisher waren die nachwachsenden Rohstoffe und die Erneuerbaren Energien in zwei verschiedenen Ministerien untergebracht. Für uns im Betrieb sind das geschlossene Kreisläufe, die zusammengedacht werden müssen. Ich wünsche mir, und das ist auch die Forderung des Thüringer Bauernverbandes, dass es wieder ein Ministerium für den gesamten landwirtschaftlichen Sektor gibt.

Im Rahmen meiner verbandspolitischen Arbeit werde ich auch weiterhin intensiv das Thema Erneuerbare Energien bei den politisch Verantwortlichen anbringen. Es muss gelingen, dass die Thüringer Biogasanlagen auch zukünftig weiter existieren können, um ihren Beitrag zur Energiewende leisten zu können. Die Erzeugung von Erneuerbaren Energien muss eine Einkommensquelle 

 

 

April 2024

Themenschwerpunkt:

Superwahljahr 2024

Die Bedeutung des EU-Parlaments für die Landwirtschaft

 

Inhalt:

Wie weiter nach den Demos                 3

IG Betriebe im benachteiligten Gebiet   6

Hamster-Kolloquium                            9

Thüringer Milchtag                             13

 

 

Gehen Sie wählen!

von Dr. Lars Fliege, Vizepräsident des Thüringer Bauernverbandes und Vorsitzender des TBV-Fachausschusses Gemeinsame Agrarpolitik

Dreimal werden wir in diesem Jahr an die Wahlurne gebeten. Ende Mai sind wir aufgerufen, unsere Land- und Gemeinderäte zu wählen. Zwei Wochen später geht es ums Europaparlament und im September wählen wir einen neuen Landtag. Warum sollten wir unsere Stimme überhaupt abgeben? Weil jeder von uns eine politische Meinung hat und jeder von uns weiß, was ihn auf der jeweiligen politischen Ebene stört. Wer nicht zur Wahl geht, hat hinterher auch kein Recht, sich über die Politik zu beschweren. Viele von uns werden am Ende dennoch enttäuscht sein. Vielleicht vom Wahlausgang, vielleicht von den politischen Koalitionen nach der Wahl, vielleicht auch von der selbst gewählten Person oder Partei, die im Wahlkampf so viel versprach und am Ende nur sehr wenig davon umsetzen kann. Dennoch ist es wichtig, vom Wahlrecht Gebrauch zu machen. Es ist die Chance für die schweigende Mehrheit von uns, sich zu äußern und nicht das Feld denen zu überlassen, die am lautesten schreien. Deshalb bitte ich Sie, gehen Sie wählen!

Doch wen soll man denn bloß wählen? Die Antwort darauf ist gar nicht so kompliziert. Man braucht einen persönlichen Kompass. Zunächst sollte man seine eigene Meinung zu vielen Themen kennen. Dann entscheidet man, welche Themen besonders wichtig sind und schaut, was in den Programmen der einzelnen Parteien zu diesen Themen steht. Für mich ist das relativ einfach. Ich bin mit Leib und Seele Landwirt in einem konventionellen Betrieb. Ich gehe gern zur Jagd und lebe mit meiner Familie in einem kleinen Dorf. Damit sind meine wichtigsten Themen definiert und ich suche Landwirtschaft, Entwicklung ländlicher Räume und auch Jagd in den Grundsatz- und Wahlprogrammen. Ich weiß genau, wen und welche Partei ich wählen werde und ich weiß noch besser, wen ich auf keinen Fall wählen werde. Ist doch wirklich schön, überhaupt die Wahl zu haben!

Allergrößten Respekt habe ich vor denjenigen, die sich politisch engagieren und zur Wahl aufstellen lassen. Das politische Theater ist ganz sicher nichts für jedermann. Wenn sich – wie im Falle unseres Präsidenten Dr. Klaus Wagner – ein ausgewiesener Fachmann im Bereich Landwirtschaft und ländlicher Raum zur Wahl stellt, dann ziehe ich nicht nur respektvoll den Hut, sondern dann unterstütze ich ihn dabei, seinen Wahlkreis souverän zu gewinnen. Wir rufen immer nach Fachleuten in der Politik. Mit Klaus Wagner werden wir für die Belange der Bauern auf jeden Fall einen bekommen!

 

 

 

 

August 2023

 

Themenschwerpunkt:

Zukunftsbetriebe setzen auf Gesundheit und Sicherheit. Im Arbeitsalltag proaktiv mitdenken und gestalten

 
Inhalt:

Low-Stress-Stockmanship    6

Innovative Forschung    10/11

Agrarscouts    12

SVLFG - zu MiFa (Teil II von III)    14

 

Präventionskultur im Betrieb leben

Kommentar von Michael König, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Thüringer Bauernverbandes und Fachkraft für Arbeitssicherheit

Gesunde und leistungsfähige Mitarbeiter sind das wertvollste Kapital im Unternehmen – da sind wir uns sicher alle einig. Doch dafür müssen wir als Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber auch was tun. Es ist unsere Pflicht gesundheitsgerechte Arbeitsbedingungen zu gestalten und gleichzeitig das Gesundheitsbewusstsein bei den Beschäftigten zu fördern. Es gilt: Die Arbeitsfähigkeit zu erhalten und zugleich das Engagement und die Zufriedenheit innerhalb der Belegschaft zu fördern.

Der Trend zum Unfallrückgang in der Landwirtschaft setzt sich fort, das gilt auch für Thüringen, und das ist erfreulich, aber wir müssen da dran bleiben. Und deshalb gilt es, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter immer und immer wieder in der Arbeitssicherheit zu unterweisen und in moderne sicherheitsrelevante Technik zu investieren. Gerade wenn Routine einkehrt oder in stressigen Situationen, wie dem momentanen Erntestress, passieren Fehler. Unsere Belegschaft ist „vom Fach“, muss aber wiederkehrend mit Unterweisungen geschult und sensibilisiert werden. Zudem verdeutlichen regelmäßige Unterweisungen den Standpunkt des Arbeitgebers, schließen bestehende Wissenslücken bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und vermitteln neueste Erkenntnisse im Arbeitsschutz. Des Weiteren ist jeder Unternehmer/jede Unternehmerin, nach dem Arbeitssicherheitsgesetz, verpflichtet, für seine Beschäftigten eine sicherheitstechnische und arbeitsmedizinische Betreuung sicherzustellen – denn Sicherheit und Gesundheit in den Unternehmen ist heute von hoher Bedeutung. Das führt mich zu meiner Forderung, dass es mehr Arbeitsmediziner und Fachkräfte für Arbeitssicherheit braucht – und zwar dringend. Nicht nur, dass es an Präventionszuschüssen fehlt, auch das nötige Fachpersonal um in unseren Betrieben, für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, eine sichere Umgebung zu schaffen, ist schwer zu finden.

Präventionskultur ist hier das Stichwort! Bedeutet, die Gesundheit und Sicherheit der Unternehmer und Mitarbeitenden im Betriebsalltag ist proaktiv mitzudenken und zu gestalten. Insbesondere im Hinblick auf den demografischen Wandel ist die systematische Einbindung sicherheits- und gesundheitsbewusster Werte und Verhaltensweisen der Wiedererkennungsfaktor erfolgreicher Zukunftsbetriebe schlechthin. Betriebe profitieren von einer guten Präventionskultur durch: gesunde und leistungsfähige Beschäftigte, weniger Fehlzeiten durch Krankheit und Unfälle, motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und eine hohe Attraktivität als Arbeitgeber. Dazu müssen wir als Arbeitgeber den Themen Sicherheit und Gesundheit auch mehr Zeit einräumen sowie den Angestellten die Freiräume und Zeit geben, Kurse, Seminare und Unterweisungen bewusst wahrnehmen zu können.

 

September 2022

 

Themenschwerpunkt:

Ernte in unsicheren Zeiten. Kostenexplosion und Zukunftssorgen trüben Ernteabschluss

 
Inhalt:

Flurfahrt 3

Reduktion Pflanzenschutzmittel 6

Erntegespräche 8/9

Erntekronen und Erntedank 12

 

Kommentar von Dr. Klaus Wagner, Präsident des Thüringer Bauernverbandes

Mehr gesunder Menschenverstand!

Die diesjährige Ernte ist eingefahren. Die Erträge und Qualitäten waren besser als befürchtet, aber schlechter als noch im Frühjahr erhofft, da es seit März nahezu im gesamten Freistaat nicht geregnet hatte. Für mich zeigen die Ernteergebnisse vor allem, dass wir Landwirtinnen und Landwirte trotz widriger Witterungsverhältnisse unsere Aufgabe erfüllen können, die letztlich vor allem darin besteht, dass unsere Supermarktregale gefüllt bleiben und niemand in diesem Land mit leerem Magen ins Bett gehen muss.

Sorgen bereitet mir aber die wirtschaftliche Lage und der Verlust an gesundem Menschenverstand bei einer Vielzahl unserer politischen Akteure in Berlin und Brüssel. Beides gefährdet die Zukunft unserer landwirtschaftlichen Betriebe, gefährdet die Zukunft unseres Landes.

Wirtschaftlich ist die Situation prekär, ein Vorausblick unsicher wie selten zuvor. Wir alle kämpfen mit enormen Sprüngen bei den Erzeugerpreisen, wie wir sie noch nie zuvor gesehen haben. Mehr als die Ertragsmenge entscheidet aktuell der richtige Verkaufszeitpunkt. Landwirtschaft wird so zu einem Glücksspiel und wir wissen alle, dass am Ende immer die Bank gewinnt. Gleiches gilt auch für die enorm gestiegenen Preise für Diesel und Mineraldünger. Wann soll man hier kaufen? Gibt es absehbar überhaupt noch etwas kaufen, nachdem als Reaktion auf die hohen Gaspreise die europäischen Produzenten für Mineraldünger die Produktion eingestellt haben?

Statt in dieser schwierigen wirtschaftlichen Lage politisch gegenzusteuern und der Landwirtschaft zu helfen, tut die Politik ihr Bestes, unsere Situation noch weiter zu verschlimmern. Eine verkorkste Reform der europäischen Agrarpolitik, die immer noch nicht abschließend entschieden hat, was wir Landwirtinnen und Landwirten im nächsten Jahr anbauen dürfen ist an Absurdität nicht zu überbieten. Ist es so schwierig zu verstehen, dass man Aussaat und Fruchtfolgen entsprechend der jahreszeitlichen Abfolge planen muss und die Zeit hierfür bereits abgelaufen ist? Zugleich hat die Reform die Regelungen derart verkompliziert, dass kaum ein Betrieb die unterschiedlichen Anforderungen und Folgen nachvollziehen kann. Warum war das notwendig, wem ist damit geholfen? Zweifel am gesunden Menschenverstand sind hier angebracht. Aber es wird noch besser: Die EU-Kommission kommt mit planwirtschaftlichen Vorschlägen zur Reduktion des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln um die Ecke. Geht der Vorschlag durch, dürfen wir in Landschaftsschutzgebieten keine Pflanzenschutzmittel ausbringen. Das bedeutet faktisch ein Totalverbot in Thüringen. Erträge? Ernährungssicherheit? Offenbar nicht wichtig genug. Supermarktregale füllen sich ja bekanntlich auch gerne mit guten Absichten und moralischen Imperativen. Zur Not können wir dem globalen Süden die Nahrungsmittel auch einfach wegkaufen.

Spätestens in diesem unverantwortlichen Vorschlag der EU-Kommission und der grundsätzlichen Zustimmung unsers „Bundeslandwirtschaftsministers“ wird das Fehlen des gesunden Menschenverstandes offenbar. Werden die Vorschläge der EU-Kommission Wirklichkeit, gefährden sie hierzulande die gesamte landwirtschaftliche Produktion. Dann wird die EU auch bei Landwirtschaftsprodukten zum Nettoimporteur. Ein besonders kluger Schachzug, wenn man mit Blick auf die (ausbleibenden) Gaslieferungen schaut, was es bedeutet, wenn die Importe nicht mehr möglich sind. Wir müssen uns entscheiden: Wollen wir eine eigene Landwirtschaft, wollen wir qualitativ hochwertige Lebensmittel, die mittels kurzer Wege transportiert, vor Ort gehandelt und verarbeitet werden oder wollen wir alles aus dem Ausland importieren? Gerade im Hinblick der aktuellen geopolitischen und sozioökonomischen Herausforderungen, kann es aus meiner Sicht hier nur eine Antwort geben. Dafür aber brauchen wir mehr gesunden Menschenverstand, mehr ganzheitliches Denken bei unseren politischen Verantwortlichen anstatt bloßer Jagd nach Trophäen für das politische Schaufenster der eigenen Bubble.

 

Juli 2021

Themenschwerpunkt:

Milchviehhaltung in Thüringen. Zwischen Investieren ins Tierwohl und Abschaffung der Milchviehhaltung

 
Inhalt:

Verbot Kükentöten 3

Gewässerschutzkooperationen 6

Betretungsrecht 7

Fachausschuss Vieh und Fleisch 9

 
Kommentar:

Milchviehhaltung in Thüringen: Mit dem Rücken zur Wand

von Silvio Reimann, Vorsitzender des Fachausschusses Milch beim Thüringer Bauernverband

Egal ob Schaf-, Mutterkuh-, Schweine- oder Milchviehhaltung – derzeit lässt sich damit nicht genug Geld verdienen, um die ausufernden Kosten zu decken. Zwar ist die Marktlage derzeit zufriedenstellender als zu Beginn des Jahres, doch die  Mehrerlösewerden durch die höheren Betriebsmittel und Futterkosten mehr als aufgefressen. Hinzu kam die Hiobsbotschaft, dass wir ab 2023 durch die neu ausgestaltete Gemeinsame Agrarpolitik weniger einkommenswirksame Direktzahlungen erhalten werden. Und weitere Kosten sind bereits in Aussicht: Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohnes, nicht produktive Investitionen in Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen sowie höhere Tierwohlstandards.

Durch die geänderte Tierschutztransportverordnung müssen wir Bullenkälber ab Herbst 2022 für mindestens 28 Tage aufziehen. Dadurch sind nicht nur mehr Kälberplätzevorzuhalten, sondern auch höhere Futter-, Gesunderhaltungs- und Personalaufwendungen zu verkraften.

Geehrte Kolleginnen und Kollegen: Wie geht es mit der Milchviehhaltung in Thüringenweiter? Wer veredelt künftig unser Grünland? Mittlerweile stehen nur noch 90.300 Milchkühe in Thüringer Ställen; das ist ein Fünftel weniger als vor zehn Jahren. Wir waren zwar schon immer fähig, herausfordernde Zeiten zu meistern – sei es im Zuge der Digitalisierung, während langer Dürreperioden (2018 bis 2020) oder während der Corona-Pandemie. Doch ohne eine angemessene Entlohnung unserer harten, systemrelevanten Arbeit ist es schwierig, positiv zu bleiben. Ich erhoffe mir vom Milchgipfel am 13. Juli, dass sich die Thüringer Landesregierung, Molkereien sowie Lebensmitteleinzelhändlerzu einer regionalen Milchproduktion bekennen und Worten Taten folgen lassen.

 

Thüringer Bauernverband e.V.
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