TBV - Journal

Januar 2023

 

Themenschwerpunkt:

Versuch macht klug. Projektarbeit als Test für neue Ideen und Verfahren in der Landwirtschaft

 
Inhalt:

SuedLink: Rahmenvereinbarung geschlossen    3

Stickstoff-Weiterbildung    6

Agroforst – eine Chance für Thüringen    7

ERVEMA gewinnt Preis im Bundeswettbewerb    8

 

Kommentar von Dr. Klaus Wagner, Präsident des Thüringer Bauernverbandes

Sein und Schein

Eine Schlagzeile aus dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) im Januar 2023 lautete: „Mit einer Milliarde Euro schieben wir zukunftsfeste Tierhaltung an“. Die Aussage ist korrekt, aber unvollständig. Die Milliarde verteilt sich auf vier Jahre, mithin 250 Millionen Euro pro Jahr, was gegenüber dem von der Borchert-Kommission ermittelten Aufwand zum Umbau der Tierhaltung in Höhe von 4.000 bis 5.000 Millionen pro Jahr weder viel noch ausreichend ist. Die Zahl reicht aber für die Wahrung des schönen Scheins auf einem Wahlplakat. Mittlerweile ist sogar dem Landwirtschaftsminister in Baden-Württemberg aufgefallen, dass es in seinem Bundesland in zehn Jahren keine nennenswerte Schweinhaltung mehr geben könnte. Eine Entwicklung als Folge gesetzlicher Rahmensetzungen, die wir seit Jahren prognostiziert haben.

Ende 2022 veröffentlichte das BMEL sein Eckpunktepapier „Weg zur Ernährungsstrategie“. Wunderbar ist man versucht zu denken, endlich mal wieder eine Strategie, die darlegt, was „muss“ und was es „braucht“ und darüber, was andere tun sollen. Wir dürfen gespannt sein, wann ein verpflichtender Anteil regionaler Produkte in der öffentlichen Außerhausversorgung Realität sein wird, und bleiben guter Hoffnung, dass bis dahin noch regionale Verarbeitungskapazitäten existieren. Auch hier, mehr Schein als Sein.

Für die EU-Kommission geht die größte Gefährdung der Ernährungssicherheit vom Klimawandel und dem Rückgang der Artenvielfalt aus. Folgerichtig müsse dem durch eine Verminderung der Treibhausgasemissionen und des Pflanzenschutzmitteleinsatzes entgegengewirkt werden. Dafür werden Ziele festgelegt, z.B. ein Totalverbot des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln in Schutzgebieten. Kommt diese Regulierungs- und Verbotspolitik, so wie von der EU-Kommission vorgeschlagen und von der Umweltbundesministerin Steffi Lemke und dem Bundesminister für Landwirtschaft Cem Özdemir unterstützt, dann prognostizieren wir heute, dass wir so ein Mehr an Biodiversität und Ernährungssicherheit nicht erreichen werden.

Eine Reihe von EU-Mitgliedsstaaten sieht das ähnlich und hat eine Studie zur Folgenabschätzung beschlossen, auf deren Ergebnisse die Bundesregierung nicht warten möchte – schließlich sind wir in Deutschland im Besitz der absoluten Wahrheit. Totalverbote von Pflanzenschutzmittel lassen sich leicht kontrollieren und der scheinbare Erfolg lässt sich einfach verkaufen. Mich beschleicht die Befürchtung, dass der Weizenanbau dem Weg der Tierhaltung folgen wird. Am Ende importieren wir den Weizen aus anderen Regionen, Rodung von Wäldern inklusive. Während ich diese Zeilen schreibe, läuft ein Werbespot des WWF mit Bildern von Wetterkatastrophen und der Aufforderung zum Erhalt des Regenwaldes am Amazonas zu spenden. Mit fünf Euro ist man dabei. Mehr Schein als Sein geht kaum noch.

Das Problem: Wir leben hier und wir wollen eine Zukunft für uns und unsere Kinder, im Sein und nicht im Schein! Wir Bäuerinnen und Bauern sind die einzigen, die Lösungen produzieren wollen und auch können. Ohne uns wird keine der schönen Strategien Realität und nur der schöne Schein bleibt übrig.

Lösungswege sind im Abschlussbericht der Zukunftskommission Landwirtschaft beschrieben. Anstatt dem, im breiten demokratischen Konsens gefundenen, Weg zu verfolgen, erleben wir eine regulatorische Strangulation unseres Tuns, die fesselt und demotiviert.

So wird das nichts, weder mit der Pflanzenschutzmittelreduktion noch mit Zukunft für unser Land. Wir brauchen auf nichts mehr zu warten. Tun ist das Gebot der Stunde, auf dem eigenen Hof, in Wissen, in Nachwuchs und Technologie, kurz gesagt in Zukunft zu investieren. Aber auch unser Tun zu hinterfragen und da, wo wirtschaftlich vertretbar, andere Konzepte umzusetzen. Für uns als Verband aber auch für jeden Einzelnen gilt es, in unserem demokratischen System Beteiligungsprozesse einzufordern, die zu Ergebnissen führen. Wir alle müssen auf eine vernünftige Rahmensetzung hinwirken. Eine Rahmensetzung, die entfesselt und Kraft freisetzt, mit der wir im

Sein Lösungen schaffen können.

 

 

Februar 2023

 

Themenschwerpunkt:

Neue Anforderungen, wenig Unterstützung. Umbau der Tierhaltung bringt schweinehaltende Betriebe in prekäre Lage

 
Inhalt:

Internationale Grüne Woche    3

Thüringer Schweinegipfel    4

Workshops Gewässerschutzkooperationen    6/7

Sozialwahl 2023    12

 

Kommentar von Bert Kämmerer, Vorsitzender des Fachausschusses Nutztierhaltung im Thüringer Bauernverband

Ignoranz des Bundeslandwirtschaftsministeriums

Die aktuellen Statistiken belegen es erneut – die Schweinehaltung in Deutschland sinkt in Rekordgeschwindigkeit. Wir erleben aktuell einen schmerzhaften Strukturbruch in unserer Branche.

Die Ursachen hierfür sind vielfältig: Die Corona-Pandemie, die Afrikanische Schweinepest (ASP) und die Kostenexplosion bei den Rohstoffen und der Energie haben uns in den letzten Jahren stark zugesetzt und tun das immer noch.

Ich bin inzwischen seit über drei Jahrzehnten aktiv in der Schweinehaltung unterwegs, aber noch nie habe ich eine derart lange und schwierige Krisenphase erlebt und noch nie habe ich eine solche Ignoranz eines Bundesministeriums für Landwirtschaft gegenüber uns Schweinehaltern erfahren.

Probleme werden ausgesessen. Wir Schweinehalter werden als direkt Betroffene kaum gehört und unsere Bemühungen, zum Beispiel im Bereich Tierwohl, finden so gut wie keine Beachtung.

In Thüringen hingegen bewegt sich etwas. Die Landesregierung scheint die Zeichen der Zeit erkannt zu haben – spät – aber vielleicht für den einen oder anderen Schweinehalter gerade noch rechtzeitig. Mit der Thüringer Tierwohlförderrichtlinie erhalten wir wenigstens die Chance, in unseren Ställen mehr Tierwohl zu refinanzieren. Ein erster anerkennenswerter Schritt. Doch weitere müssen schnell folgen!

Wir brauchen dringend Antworten auf unsere Fragen zum Genehmigungsrecht, zur Tierhaltungskennzeichnung und auch darauf, wie wir die Transformation finanzieren sollen. Schließlich haben wir in den vergangenen drei Jahren gewaltig an „Speck“ verloren und unsere Bilanzen sind für die Banken nicht sonderlich attraktiv.

Der 2. Thüringer Schweinegipfel sollte und konnte (ein stückweit) zur Beantwortung der offenen Fragen beitragen.

Noch gibt es in Thüringen junge, motivierte Betriebsleiter, die ihre betriebliche Zukunft auch in der Schweinehaltung sehen. Es ist jetzt an der Politik zu entscheiden, wo in Zukunft der Rohstoff für unsere Thüringer Bratwurst herkommen soll. Ich jedenfalls, würde auf regionales Schweinefleisch aus Thüringer Tierwohlställen stehen.

 

 

März 2023

 

Themenschwerpunkt:

Preisrallye am Milchmarkt. Turbulentes Marktgeschehen bestimmt 25. Thüringer Milchtag

 
Inhalt:

Klausurtagung des Thüringer Bauernverbandes    3

Landwirtschaftsfrühstück der Volksbank    8

Oßmannstedter Gespräche 2023    12

Buchvorstellung: Satt und unzufrieden    14

 

Kommentar von Silvio Reimann, Vorsitzender des Fachausschusses Nutztierhaltung

Konzentriere Dich auf das, was Du selbst im Griff hast

Die rekordverdächtig hohen Milchpreise sinken derzeit zum Teil drastisch: Allein durch den Preisverfall bei Molke und Sahne ging der Preis zuletzt um 10 Cent/kg nach unten. Die sinkenden Preise kommen aufgrund des Überangebots nicht überraschend, das Ausmaß, mit der der Markt kippt, hatten wir aber alle so nicht kommen sehen.

Viele unserer milchviehhaltenden Betriebe fangen bereits wieder an zu rechnen, ob sich das Geschäft bei den zwar etwas gesunkenen aber insgesamt hoch bleibenden Produktionskosten noch lohnt. Manch einer ruft nach einer Regulierung der Milchmenge oder hofft, durch das Anfachen politischer Strohfeuer etwas zu erreichen.

Auch ich würde mir wünschen, dass in der Milchmenge was reguliert wird. Das wird aber auch jetzt wieder nicht funktionieren. Die Milchmenge wird wie immer, ob wir das wollen oder nicht, nur über den Preis reguliert. Das ist die Folge der Deregulierung, die auch von uns gewünscht worden war. Der Preis wird so weit runtergehen, bis wir alle die Schnauze voll haben werden. Für viele wird es dann schwierig, einige werden ganz aussteigen (müssen). Das geschah zuletzt gerade hier im Freistaat besonders oft, häufiger jedenfalls als in allen anderen Bundesländern. Das darf so nicht weitergehen. Gerade die Thüringer Milchwirtschaft ist mit Blick auf die Struktur gut aufgestellt. Die Betriebsgrößen haben deutliche Vorteile gegenüber den Betrieben in anderen Bundesländern, das Leistungsniveau ist exzellent und auch die Futtervoraussetzungen sind gegeben.

Was können wir tun? Nach nun rund 22 Jahren Erfahrung in der Branche muss ich sagen, ein Ruf nach der Politik hilft nicht weiter. Du rennst gegen Windmühlen und erreichst so gut wie nichts. Wir sollten uns deshalb auf das konzentrieren, was wir selbst im Griff haben, was wir beeinflussen können. Als Betriebsleiter müssen wir unsere Hausaufgaben machen, müssen genau hinschauen und Schritte planen, wie wir es zukünftig noch besser machen, wie wir mit steigenden Kosten und Löhnen umgehen können. Die hohen Milchpreise haben im vergangenen Jahr Probleme in manch einem Betrieb überdeckt. Mit der jetzigen Entwicklung wird alles gnadenlos sichtbar werden.

Das wird aber nicht ausreichen: Alle Entscheider der Branche sind aufgerufen, ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Zuallererst der Lebensmitteleinzelhandel (LEH): Er fährt derzeit Aktionen ohne Ende und drängt auf neue Kontrakte, mit denen er die Preise weiter drücken will. Die Händler scheinen dabei aber zu vergessen, dass nicht nur die Kosten für ihre Kundinnen und Kunden gestiegen sind, sondern auch die für unsere Betriebe. Aber auch die Molkereien müssen schauen: Sie sollten die Preise mit Augenmaß anpassen. So können sie uns Milcherzeugerinnen und Milcherzeugern helfen und zugleich ein Signal gegen die Marktübertreibungen aussenden.

Ganz ohne Politik geht es aber auch nicht: Die Rahmenbedingungen dürfen uns das Leben nicht schwerer machen als es bereits ist. Das, was derzeit auf politischer Ebene passiert, ist nicht gerade sehr vorteilhaft. Warum die Ergebnisse der Borchert-Kommission nicht endlich umgesetzt werden, bleibt völlig unverständlich.

Wir alle zusammen – LEH, Molkereien, milchviehhaltende Betriebe und Politik – müssen in der derzeitigen Situation aufpassen, sonst drohen handfeste Strukturbrüche in einer grundlegend gut aufgestellten Branche. 

April 2023

 

Themenschwerpunkt:

Neues Agrarstrukturgesetz vorgelegt. Entwurf der Landesregierung bereitet vielen Kopfschmerzen

 
Inhalt:

Sozialwahl 2023    3

Novellierung des Landesentwicklungsplans    7

Schülerquiz-Preiseinlösung    8

Exkursion nach Sachsen-Anhalt    9

 

Kommentar von Ingolf Lerch, Vorsitzender des Fachausschusses Recht im Thüringer Bauernverband

Was wollen wir (nicht)?

Es ist wie so oft im Leben: Auf eine einfache Frage findet man keine einfache Antwort. Im Gegenteil: Je mehr man darüber sinniert, desto schwieriger wird es. So ist es auch mit dem jetzt vorgelegten Entwurf für ein Thüringer Agrarstrukturgesetz.

Ziel des neuen Gesetzes ist es, durch mehr Transparenz der landwirtschaftlichen Grundstücks- und Betriebsverkäufe die Flächenkonzentration und die Bodenspekulation auf dem landwirtschaftlichen Grundstücksmarkt in Thüringen zu bekämpfen.

Frage zu stellen: Auf der einen Seite zeichnet sich die seit der Wende zu Beginn der 1990er Jahre entstandene Thüringer Agrarstruktur durch eine hohe Konstanz und Stabilität aus. Ein mit der Entwicklung in den alten Ländern vergleichbarer Strukturwandel, wo ein starker Rückgang der Zahl der Landwirtschaftsbetriebe und ein stetiges Wachstum der durchschnittlichen Betriebsgrößen zu sehen ist, gibt es in Thüringen nicht. Auf der anderen Seite sehen wir Flächenkäufe durch außerlandwirtschaftliche Investoren, die mangels anderweitiger Renditechancen und geringer Risikoneigung ihr im Überfluss vorhandenes Kapital in landwirtschaftliche Flächen investieren. Wenn auch nicht der einzige Grund, doch einer der Faktoren, der die Bodenpreise steigen lässt, was unsere auf Pachtflächen angewiesenen Betriebe in die Bredouille bringt. Beantwortet werden muss aber vor allem die Frage, ob das Gesetz das angestrebte Ziel überhaupt erfüllen kann, ohne unsere Thüringer Landwirtschaftsbetriebe in ihrer Entwicklung einzuschränken oder gar zu gefährden. Auch die Folgen, die das Gesetz auf unsere Betriebe und auf die Thüringer Agrarstruktur hat, müssen genauer betrachtet werden. Das gilt ebenfalls für mögliche Nebenwirkungen, eine unangenehme Eigenschaft nahezu aller Gesetze, die, anders als bei Medikamenten, aber zumeist in keiner Packungsbeilage ausreichend beschrieben und daher abgeschätzt werden können.

Als Bauernverband müssen wir uns daher im Interesse unserer Mitglieder mit diesen Fragen auseinandersetzen, sie sorgfältig abwägen.

Eine schnelle Ablehnung allein aus der eigenen Betriebssicht heraus, halte ich für ebenso falsch, wie eine kritiklose Zustimmung, ohne genaue Kenntnis der Sachlage. Vielmehr müssen wir im Verband eine ergebnisoffene Meinungsbildung anstoßen, uns mit den Knackpunkten auseinandersetzen. Dabei gilt es die Interessen aller unserer Mitglieder, egal ob klein- oder mittelständiger Betrieb, ob juristische Person oder Familienbetrieb, einfließen zu lassen, wohl wissend, dass es eine allseits befriedigende Lösung nicht geben wird.

Wir müssen uns auf den Weg machen, müssen klären, was wir wollen und was wir nicht wollen. Unsere Juristinnen und Juristen im Verband bewerten derzeit den vorliegenden Gesetzesentwurf und arbeiten an einer entsprechenden Stellungnahme. Die Knackpunkte wurden bereits zusammengetragen und können in diesem Heft nachgelesen werden.

Wie wir uns als Berufsstand im Einzelnen dazu positionieren, müssen wir miteinander klären. Der verbandsinterne Meinungsbildungsprozess wird jetzt in den Kreisen angestoßen.

Als Berufsstand sind wir gefordert, als Berufsstand werden wir gemeinsam antworten!

  

 

Mai 2023

 

Themenschwerpunkt:

Immer mehr Wölfe in Thüringen. Wirtschaftliches Überleben der Weidetierhaltung in Gefahr

 
Inhalt:

Thüringer Agrarstrukturgesetz    3

Landwirtschaftskonferenz in Greußen    9

Vertreterversammlung Landseniorenverband    12

DLG-Bundeswettbewerb im Melken    13

 

Kommentar von Gerd Steuding, Vorstandsmitglied des Thüringer Schafzuchtverbandes

Wir brauchen ein funktionierendes Wolfsmanagement

Die Wölfe dringen immer weiter vor. Anfangs fanden nur wir Schafhalter gerissene Tiere, nun sind es zunehmend auch Rinder und Pferde, sogar einem Herdenschutzhund haben die Wölfe im Februar in Espenfeld den Garaus gemacht. Auch in der Nähe von Wohnsiedlungen werden die Tiere gesehen, mancherorts laufen sie sogar durch die Dörfer. Viele haben Angst, abends noch spazieren zu gehen, auch die Sorge der Eltern um ihre Kinder wächst.

Aus einer städtischen Sicht sind solche Probleme natürlich sehr weit weg. Befürworter der Wolfsrückkehr hören die zunehmende Kritik und gehen in eine Verteidigungshaltung über. Am Ende stehen sich beide Seiten unversöhnlich gegenüber.

Ich denke, dass wir zwischen schlichter Wolfsromantik und Totschlagsfantasien mit unserem gesunden Menschenverstand einen gangbaren Mittelweg finden müssen. Der Wolf ist da, er wird auch bleiben. Weil dem so ist, muss endlich ein Modus gefunden werden, wie Wölfe, Weidetiere und Menschen zusammenleben können. Dazu gehört aus meiner Sicht vor allem ein funktionierendes Management des Wolfsbestandes und eine Antwort auf die Frage, wie viele Wölfe in unserer engen Kulturlandschaft überhaupt leben können und sollten.

Derzeit gib es in Thüringen mehr als ein Dutzend Wölfe, fünf Wolfsterritorien werden gelistet, darunter zwei Rudel. In Deutschland sind es heute bereits mehr als 160 Rudel mit schätzungsweise 2.000 Wölfen. Ist damit der „gute Erhaltungszustand“ erreicht, dessen Fehlen den hohen Schutzstatus noch rechtfertigt? Ich denke, die Antwort ist klar. Aus meiner Sicht kann und sollte deshalb der Wolfsbestand, wie jeder andere Wildtierbestand auch, reguliert werden. Falls Sachverständige nach klaren Kriterien zu dem Urteil kommen, dass die Art noch gefährdet ist, lasse ich mich gern überzeugen. Was für mich aber unabdingbar ist, ist die Entnahme von Problemwölfen, d.h. von verhaltensauffälligen Tieren, die eine Gefahr für Menschen sind oder gezielt Nutztiere angreifen und töten. Ausnahmeregelungen hierfür gibt es durchaus. In der Praxis lassen sich diese aber kaum umsetzen, wie wir hier in Ohrdruf erfahren mussten. Hier bei uns auf dem Truppenübungsplatz lebte Deutschlands gefährlichste Wölfin, die rund 600 Schafe und Ziegen tötete. Eine Entnahme war trotzdem nicht möglich. Das ist niemanden zu vermitteln.

Voraussetzung für eine Entnahme ist allerdings eine Überarbeitung des bestehenden Wolfsmonitorings. Nur so kann man Problemwölfe überhaupt identifizieren. Bisher bildet das Monitoring die Realität leider kaum ab. So wurde 2021 kein einziger Riss anerkannt. Auch Herdenschutzmaßnahmen wie Zäune und Herdenschutzhunde sind unabdingbar. Sie kosten aber viel und können durch uns Weidetierhalter nicht bezahlt werden, wenn wir kostendeckend arbeiten wollen. Wenn die Politik den Wolf will und wünscht, dass wir weiterarbeiten, dann muss sie diese Ausgaben übernehmen, und zwar komplett und nicht nur anteilsmäßig wie bisher. In Thüringen sind wir auf einem guten Weg, es muss aber weitergehen. Es ist aber natürlich illusorisch zu glauben, dass man hierzulande alle Weiden einzäunen kann. Das ist weder zu leisten noch zu bezahlen. Außerdem bieten weder Zäune noch Herdenschutzhunde die letzte Sicherheit für unsere Tiere. Deshalb muss es auch eine finanzielle Entschädigung für gerissene Tiere geben. Die Erfassung der Risse und die Auszahlung sind aber bisher sehr langwierig und zu schwierig. Außerdem werden nicht alle Wolfsschäden abgedeckt.

Wie heißt es so schön: Wir Weidetierhalter pflegen die Landschaft, die die anderen lieben. Wenn das so ist, müssen wir auch mit dem Wolf in der Nachbarschaft leben und wirtschaftlich überleben können. Momentan sieht es leider nicht so aus.

  

 

Juni 2023

 

Themenschwerpunkt:

Pflanzenschutz vor dem Aus? Geplante EU-Reduktionsstrategie droht Einsatz weiter einzuschränkenr

 
Inhalt:

Eröffnung Regionalmarktplatz Erfurt     3

Veröffentlichung Fachkräftestudie 2023     7

Tag der Landwirtschaft im Saale-Orla-Kreis     8

Mitgliederversammlung Arbeitgeberverband     12

 

Kommentar von Steffen Steinbrück, Vorsitzender des Fachausschusses Pflanzenbau und Umwelt im Thüringer Bauernverband

Süchtig nach Pflanzenschutzmitteln?

Eins ist wohl sicher: Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wird in der Zukunft für ökologisch und konventionell wirtschaftende Betriebe Europas gleichermaßen deutlich aufwändiger und restriktiver als er jetzt schon ist.

Die fachlichen und noch mehr die politischen Fronten sind verhärtet und sachliche Diskussionen finden wahrscheinlich nur noch hinter verschlossener Tür statt, um das Gesicht im aufgeheizten Kampf um die richtige Pflanzenschutzreduktionsstrategie zu wahren. Prominenteste Wortführerin ist Sarah Wiener. Die ehemalige Show-Köchin und heutige EU-Politikerin ist der Meinung, dass man Pflanzenschutz nicht den Konzernen überlassen dürfe. Das wäre, als würde man Süchtige darüber entscheiden lassen, ihre Dosis selbst zu bestimmen und zu reduzieren. Mit diesem Vergleich erntete sie zurecht deutliche Kritik, nicht nur aus der Agrarbranche.

Wenn Sarah Wiener den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln mit einer Sucht vergleicht, dann offenbart das eher, wie ideologisch sie auf die Arbeit konventioneller Landwirte blickt. Es zeigt zugleich, wie abgehoben manche Akteure in Brüssel sind, wenn es um landwirtschaftliche Themen geht. Beim Thema Reduktion von Pflanzenschutzmitteln geht es um viel: Die chemischen Mittel sollen nach der Verordnung mit dem sperrigen Begriff „Sustainable Use Regulation“ (SUR) pauschal um mindestens die Hälfte gesenkt werden. Viele EU-Länder fordern dafür nun eine neue Folgenabschätzung. Was aber bedeutet die von Brüssel vorgeschlagene radikale Reduzierung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes? Ein Gutachten, welches der Deutsche Bauernverband in Auftrag gegeben hat, zeigt auf, dass im Falle der Umsetzung auf Standorten mit hohem Ertragspotenzial Einkommensminderungen von 50 Prozent zu erwarten sind. Auf schwächeren Standorten wäre Ackerbau mittelfristig nicht mehr wirtschaftlich tragfähig. Auch Futterbaubetriebe müssten je nach Flächenausstattung und Pflanzenschutzintensität mit Ertragsminderungen und somit Grundfutterknappheit rechnen. Im Angesicht dieser zu erwartenden Folgen, bleibt zu hoffen, dass die Zahl kritischer Nachfragen aus den Reihen der Europaabgeordneten stetig zunimmt und die Diskussion um die Pflanzenschutzreduktionsstrategie auf ein sachliches Niveau zurückgeholt werden kann.

Beim Ringen um das richtige Maß im Pflanzenschutz braucht niemand ideologische Lautsprecher. Was zählt sind pragmatische Wege, die mit Augenmaß entwickelt und umgesetzt werden. Diesem Ziel dient auch ein gemeinsames Schreiben der ostdeutschen Landesbauernverbände an die Mitglieder des Europäischen Parlaments über die Auswirkungen der SUR, das der Thüringer Bauernverband federführend erarbeitet hat.

Für mich steht fest: Die mit der Verordnung vorgeschlagene Reduktionsstrategie ist völlig überzogen und zeigt einmal mehr, wie realitätsfern, die Brüsseler Politik oft agiert. Sie führt zu einer maximalen Verunsicherung unserer Landwirtinnen und Landwirte und das in einer Zeit, die ohnehin schon von vielen Ängsten und Sorgen geprägt ist. So plagen wir uns als Ackerbauern spätestens seit der mit dem Klimawandel zunehmenden Trockenheit und dem Ruf nach mehr Biodiversität damit, wie wir diese Herausforderungen auf unseren Feldern meistern können.

Unsere Betriebe vor Ort sorgen trotz all dieser schwierigen Umstände für qualitativ hochwertige und regionale Produkte, auf die wir zurecht stolz sein dürfen. Wir müssen alles tun, damit das auch weiterhin möglich bleibt.

  

 

Juli 2023

 

Themenschwerpunkt:

Anspannung und Ungewissheiten zum Erntebeginn - Positiver Trend des Jahresbeginns gestoppt

 
Inhalt:

Auswertung Antragstellung und Diskussion um Ökoregelungen                            6

Flächenverluste durch A&E-Maßnahmen können vermieden werden                   7

Flurfahrten                                                                                                               8

SVLFG - Grundsätzliches zum MiFa (Teil I von III)                                                   14

 

Wie ist die Lage der Landwirte zu Beginn der Ernte?

Kommentar von Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes

Zum jetzigen Zeitpunkt müssen wir von einer unterdurchschnittlichen Ernte bei erneut erheblichen regionalen Unterschieden ausgehen. In vielen Landesteilen haben die lange Trockenheit im Mai und Juni starke Schäden in den Beständen verursacht. Die regionalen, jüngsten Niederschläge sind für das Getreide vielerorts zu spät gekommen. Die seit Jahren rückläufigen Erträge zeigen, dass es für politisch verordnete flächendeckende Extensivierungen der Produktion keinen Spielraum gibt. Große Sorge bereitet mir der anhaltende Flächenverlust durch Siedlungsbau und Infrastrukturmaßnahmen. Dieser muss wirksam bekämpft werden. Bauernland gehört in Bauernhand!

 

Kommentar von Gerd Hallbauer, Fachausschussvorsitzender Pflanzenbau und Umwelt im Thüringer Bauernverband

Früher Start und kleine Körner im Tank, so lässt sich wohl am besten der Beginn der Ernte 2023 beschreiben. Die Bestände der Winterungen haben sich aufgrund regelmäßiger Niederschläge und moderaten Temperaturen überwiegend gut entwickelt. Nach ausreichenden Niederschlägen im ersten Quartal, gestalteten sich der Mai und Juni jedoch wieder viel zu trocken. Danach gab es partiell starke Niederschlagsereignisse, die teilweise gut in den Böden versickert sind und so den Kulturen zur Verfügung stehen. Eine genaue Ertragsabschätzung ist aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt äußerst schwierig. Und neben den noch unklaren Ernteprognosen und den nicht abschätzbaren Wetterlagen, werden in Brüssel Entscheidungen getroffen, die unsere heimische Landwirtschaft zu Lasten einer "grünen Insel" in der Welt opfern – eine EU-Pflanzenschutzreduktionsstraegie ein EU-Renaturierungsgesetz – wo führt das alles nur hin? Ungewisse Zeiten, in denen die Geschlossenheit unseres Berufsstandes wieder mehr denn je gefragt ist.

  

 

Thüringer Bauernverband e.V.
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