Die Ernte 2026 hat viele Hoffnungen geweckt – und viele davon innerhalb weniger Tage wieder zunichtegemacht. Sie hat uns eindrücklich gezeigt, was Produktion unter freiem Himmel bedeutet, wenn Prognosen innerhalb kürzester Zeit revidiert werden müssen. Noch bis Mitte Juni standen auf vielen Thüringer Feldern sehr gute Getreidebestände. Dann kamen Trockenheit sowie Hitze und haben die Situation schlagartig verändert.
Witterungsverlauf & Der Wendepunkt im Juni
Im Einzelnen: Die Aussaat startete regional etwas später als üblich aufgrund von Niederschlägen. Insgesamt war die Vorwinterentwicklung verhalten, aber ausreichend. Auch wenn es in den Herbst- und Wintermonaten ein Niederschlagsdefizit gab, kamen die Winterbestände erstaunlich gut aus dem Winter. Nach einem langen Frühjahr mit kalten Nächten, die die Entwicklung der Kulturen bremsten, kamen die Niederschläge im Frühjahr gerade noch rechtzeitig, sodass sich die Pflanzen entwickeln konnten. Besonders die Niederschläge Ende April und Anfang Mai weckten bei den Landwirten die Erwartungen auf eine gute Getreideernte.
Genau deshalb ist die Enttäuschung heute so groß: In der zweiten Junihälfte folgte eine extreme Wetterphase mit elf aufeinanderfolgenden Tagen von über 29 Grad Celsius. Ende Juni gipfelte dies in Höchstwerten von bis zu 40 Grad. Das traf die Kulturen im denkbar schlechtesten Moment.
Die Getreideernte begann rund 14 Tage früher als üblich. Das trockene Wetter erlaubte ein zügiges Arbeiten, sodass die Landwirte Mitte August weitgehend fertig waren. Doch eine schnelle Ernte ist noch lange keine gute Ernte.
Während die Wintergerste bereits weitgehend ausgereift war, befand sich unsere Hauptkultur – der Weizen – in der kritischen Phase der Kornfüllung. Bei extremen Temperaturen stellt die Pflanze den Wasser- und Nährstofftransport ein. Das Ergebnis sah man im Mähdrescher: geringere Erträge, leichtere Körner und niedrige Hektolitergewichte. Aus einem vielversprechenden Weizenbestand wurde innerhalb weniger heißer Tage ein enttäuschendes Ernteergebnis.
Bilanz der Kulturen
Die Ergebnisse der Wintergerste entsprachen noch den Erwartungen und den Prognosen. Es wurden überdurchschnittliche Erträge mit guter Qualität erreicht. Beim Durum lag die Erntemenge im langjährigen Durchschnitt, ebenfalls mit guter Qualität.
Der Weizen lieferte dagegen unterdurchschnittliche Erträge mit kleineren Körnern und schwachen Hektolitergewichten. Für Eliteweizen, der in Thüringen angebaut wird, ist ein Hektolitergewicht von 78 kg die Qualitätsgrenze, für A-Weizen liegt sie bei 76 kg. Unterhalb von 73 kg kann der Weizen nur noch als Futterweizen vermarktet werden. In diesem Jahr gibt es einen hohen Anteil Weizen, der die Qualitäten für die Vermahlung nicht erreicht hat. Wenn die Qualität verfehlt wird, wird der Weizen herabgestuft, was direkt mit einem niedrigeren Verkaufspreis einhergeht. Es wurde also nicht nur weniger Ware geerntet – für einen Teil der Ernte wird auch weniger erlöst.
Die Rapserträgen der Ernte 2026 sind ebenfalls enttäuschend. Die Erträge sind deutlich unterdurchschnittlich, mit regionalen Mindererträgen von bis zu 40 % gegenüber dem langjährigen Mittel. Die Ursache ist eine Kombination aus dem Witterungsverlauf und dem Fehlen wirksamer Pflanzenschutzmittelwirkstoffe: Vorgeschädigte Bestände konnten die kalten und trockenen Phasen im Frühjahr nicht kompensieren, sodass regional nur 1,6 bis 1,7 Tonnen Raps pro Hektar geerntet wurden.
Insgesamt sind nach der Getreide- und Rapsernte 2026 wieder deutliche regionale Unterschiede von Ort zu Ort zu verzeichnen. Einzelne Betriebe waren bereits Ende Juli mit der Ernte fertig – so früh wie noch nie.
Futterlage & Sommerfrüchte
Die Ergebnisse der Futterernte auf dem Grünland sind deutlich unterdurchschnittlich. Es wurde ein früher, mäßiger erster Schnitt eingefahren, der zweite Schnitt war ertragsarm und der dritte Schnitt war regional ein Totalausfall. Als umsichtige Kaufleute legen Landwirte in guten Jahren einen Futtermittelvorrat an, von dem die Betriebe jetzt zehren.
Die für die Futtermittelversorgung wichtige Silomaisernte steht demnächst an. Die Thüringer Landwirte hoffen, dass der Regen der letzten Woche den Beständen geholfen hat und der Ertragsrückgang nicht zu stark ausfällt. Die Futterversorgung ist aktuell angespannt, von einer flächendeckenden Futternot können wir in Thüringen derzeit aber nicht sprechen. Wie gesagt: Es kommt jetzt ganz auf das Ergebnis der Silomaisernte an.
Wenn man derzeit durch Thüringen fährt, insbesondere durch Mittelthüringen, fällt auf, dass wir in diesem Jahr mehr Sonnenblumen auf den Feldern stehen haben. Die Sonnenblumen stehen in der Fruchtfolge als Ergänzung und teilweise als Ersatz für den Raps – sie sind eine konkrete Anpassungsreaktion an die veränderten klimatischen Bedingungen. Hier wird auf eine gute Ernte gehofft. Auch bei den Zuckerrüben wird weiter auf Niederschlag gehofft.
Anpassung, ökonomische Zange & Liquidität
Landwirte arbeiten ständig daran, sich an die Gegebenheiten anzupassen: Fruchtfolgegestaltung, Sortenwahl und Aussaattermine, um nur einige Punkte zu nennen. Durch den Rückgang der Tierhaltung fehlen jedoch zunehmend Futterpflanzen in der Fruchtfolge. Auch die Einschränkung der Verfügbarkeit von Pflanzenschutzmitteln erschwert die Arbeiten.
Um der Trockenheit zu begegnen, wird auf konservierende Bodenbearbeitung gesetzt – das heißt, der Boden wird so wenig wie möglich bewegt, um die Verdunstung einzuschränken und das Bodenleben zu fördern. Dieses Verfahren setzt allerdings die Verfügbarkeit wirksamer Herbizide voraus.
Wie in jedem Wirtschaftsbereich erfordert die Anpassung an den Klimawandel Investitionen in die landwirtschaftlichen Betriebe. Die Ergebnisse der Ernte 2026 treffen die Thüringer Landwirte in einer Situation, in der die Kosten für Düngemittel und Kraftstoff extrem angestiegen sind. Die Kosten für die Herstellung von Stickstoffdüngemitteln sind direkt vom Gaspreis abhängig. Zudem werden 25 % der weltweiten Stickstoffdünger am Persischen Golf produziert. Diese Mengen fehlen aufgrund der Blockade der Straße von Hormus, was zu massiven Preissteigerungen geführt hat.
Diese Kostensteigerungen können die Landwirte über die Produktpreise nicht weitergeben, da sich die Preise am Weltmarkt bilden. Die Leitbörsen sind die CBOT in Chicago und die MATIF in Paris.
Das Zusammentreffen von gesunkenen Erträgen und Qualitäten sowie weiterhin hohen Betriebsmittelkosten bei volatilen Weltmarktpreisen nimmt die Thüringer Landwirtschaftsbetriebe wirtschaftlich in die Zange. Es setzt die Ertragslage und die Liquidität der Betriebe massiv unter Druck. Gerade mit Blick auf die Vorbereitung für die Ernte 2027 – sprich Bodenbearbeitung, Aussaat und Düngung – wird die Liquidität der Betriebe ein entscheidender Faktor sein.
Die Rapsaussaat für die Ernte 2027 ist bereits im vollen Gang und teilweise auch schon abgeschlossen. Für die nächste Ernte ist Unterstützung notwendig – entweder durch eine Entlastung bei den Kosten oder durch Beihilfen zur Liquiditätssicherung.
Forderungen an die Politik
Vor diesem Hintergrund fordern wir als Thüringer Bauernverband:
- Düngemittel-Hilfspaket der EU aufstocken: Volle Ausschöpfung des Kofinanzierungsrahmens und Aufstockung der EU-Düngebeihilfen auf 180 Millionen Euro durch nationale Mittel sowie eine unbürokratische Auszahlung.
- Entlastung bei den Energiekosten: Eine sofortige Reduktion bzw. Aussetzung der Steuern auf Agrardiesel und der CO2-Abgabe, solange die Energiemärkte und Rohölpreise hoch bleiben.
- Anpassung des regulatorischen Rahmens an die Klimafolgen: Mehr Flexibilität und Pragmatismus bei der Zulassung wirksamer Pflanzenschutz-Wirkstoffe, um Ertragsausfälle durch Schädlinge und Krankheiten wirksam zu begrenzen.
- Pünktliche Auszahlung: Die vollständige Auszahlung der EU-Direktzahlungen bis spätestens 31. Dezember 2026.
Hintergrund: Was bedeuten Hektolitergewicht sowie E-, A- und B-Weizen?
Das Hektolitergewicht gibt an, wie viel 100 Liter Getreide wiegen, und wird in Kilogramm je Hektoliter (kg/hl) angegeben. Es ist ein wichtiges Kriterium bei der Vermarktung von Weizen. Ein niedriges Hektolitergewicht weist vereinfacht gesagt auf eine geringere Kornfüllung beziehungsweise einen höheren Anteil leichter Körner hin. Für Brotweizen wird im Handel häufig ein Hektolitergewicht von mindestens 76 kg/hl verlangt. Wird dieser Wert unterschritten, können Preisabschläge oder eine Abstufung der Partie erfolgen. Die konkreten Anforderungen können je nach Abnehmer und Vertrag variieren.
Das Bundessortenamt ordnet Weizensorten entsprechend ihrer Mahl- und Backeigenschaften verschiedenen Qualitätsgruppen zu:
E-Weizen – Eliteweizen: Sorten mit besonders hohen und stabilen Backqualitäten.
A-Weizen – Qualitätsweizen: Sorten mit hohen Backqualitäten, die insbesondere für hochwertige Mehle eingesetzt werden.
B-Weizen – Brot- und Backweizen: Sorten mit guten Backeigenschaften für die klassische Brotgetreideverarbeitung.
C-Weizen: Weizen mit geringeren Anforderungen an die Backqualität, der häufig als Futterweizen oder für andere Verwendungszwecke eingesetzt wird.
>>>Hier geht es zu den Ergebnissen der Öko-Ernteerhebung<<<
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