Im Rahmen der diesjährigen agra kamen zentrale Akteure der Agrarpolitik zu einem hochrangig besetzten Forum zusammen, um über die Zukunft der europäischen Landwirtschaft zu diskutieren. Auf dem Podium standen, beim ersten von drei agrarpolitischen Foren, am 9. April EU-Agrarkommissar Christophe Hansen, der Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV) Joachim Rukwied, DBV-Vizepräsident und Präsident des Sächsischen Landesbauernverbandes Torsten Krawczyk sowie Dr. Anna Catharina Voges von der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft. Bereits zu Beginn wurde deutlich, dass die anstehende Förderperiode außergewöhnlich kurz ausfallen wird, was den politischen und inhaltlichen Druck auf alle Beteiligten erheblich erhöht.
Aus ostdeutscher Perspektive zeichnete Krawczyk ein differenziertes Bild. Der Agrarkommissar werde vielerorts mit großen Erwartungen empfangen, teils fast als „Kennedy der Landwirtschaft“. Gleichzeitig sei die strukturelle Ausgangslage in Ostdeutschland eine besondere: Viele Betriebe seien vergleichsweise jung und hätten noch keine gewachsene Generationenstruktur. Diese fehlende historische Stabilität mache sie besonders anfällig für wirtschaftliche und politische Veränderungen. Vor diesem Hintergrund kritisierte der Krawczyk, dass Vorschläge der EU-Kommission häufig nicht ausreichend an den regionalen Realitäten ausgerichtet seien. Zudem bestehe die Gefahr, dass der europäische Gedanke an Zusammenhalt verloren gehe, wenn Förderinstrumente zu Ungleichgewichten zwischen Regionen führten. Gefordert wurden daher eine einkommenswirksame Förderung unabhängig von der Betriebsstruktur, ein eigenständiger EU-Agrarhaushalt ohne Konkurrenz zu anderen politischen Ebenen sowie die Vermeidung eines Standortwettbewerbs zwischen Bundesländern infolge unterschiedlich tragbarer Kofinanzierungsmodelle.
Der DBV vertrat eine deutlich ordnungspolitisch geprägte Position. Rukwied machte klar, dass Brüssel kein Ort für Wunschlisten sei, formulierte aber gleichzeitig konkrete Erwartungen an die europäische Gesetzgebung. Besonders kritisch bewertet der Verband Regelwerke, die aus seiner Sicht zu stark in die unternehmerische Freiheit der Landwirte eingreifen. Dazu zählen insbesondere das Naturwiederherstellungsgesetz, die Industrieemissionsrichtlinie und die Tierhaltungskennzeichnungsverordnung. Grundsätzlich betonte der DBV die zentrale Rolle der Landwirtschaft für die Europäische Union: Rund 70 Prozent der Fläche seien ländlicher Raum, wodurch der Agrarsektor eine tragende Säule für Ernährungssicherheit, Versorgung und die Zukunftsfähigkeit Europas darstelle. Entsprechend forderte der Verband ein deutlich höher ausgestattetes Agrarbudget in der Größenordnung von 500 Milliarden Euro. Gleichzeitig wurde ein konsequenter Bürokratieabbau angemahnt, etwa durch die Reduktion von Formularpflichten und die Zusammenlegung von Zulassungsstellen für Pflanzenschutzmittel. Entscheidend sei es, unternehmerische Freiheit zu stärken und politische Mehrheiten im EU-Rat und im Europäischen Parlament zu organisieren, um tragfähige Kompromisse im Gesetzgebungsprozess zu ermöglichen.
Agrarkommissar Hansen stellte seine Perspektive als Vertreter der EU-Kommission dar und verwies auf seine bisherigen 15 Monate im Amt, die von einem kontinuierlichen „Stresstest“ geprägt gewesen seien. Ziel seiner Arbeit sei es, bestehende Regelungen kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls anzupassen. Dabei betonte er, dass Bürokratie nicht ausschließlich auf europäischer Ebene entstehe, sondern häufig auch durch nationale Umsetzungsprozesse verstärkt werde. Erste Vereinfachungsmaßnahmen hätten bereits Einsparungen in Höhe von rund 1,7 Milliarden Euro ermöglicht. Hansen sprach sich für weitere Erleichterungen aus, unter anderem bei der Zulassung von Pflanzenschutzmitteln, und formulierte den Wunsch nach einer finanziell stärker ausgestatteten Förderperiode. Gleichzeitig wies er auf strukturelle Probleme hin, etwa die wirtschaftliche Belastung vieler Betriebe durch die gleichzeitige Vermarktung organischer Düngemittel und den Zukauf mineralischer Alternativen. Auch bei der Finanzierung von Umweltmaßnahmen wie der Naturwiederherstellung plädierte er für eine klare Trennung vom Agrarbudget. Hinsichtlich zusätzlicher Förderprioritäten, etwa für Junglandwirte, machte Hansen jedoch deutlich, dass diese nur durch Umverteilung innerhalb eines begrenzten Gesamtbudgets realisiert werden könnten.
Die DLG brachte eine stärker systemische Perspektive in die Diskussion ein. Voges betonte die doppelte Rolle der Landwirtschaft im Kontext des Klimawandels, da sie sowohl zur Problementstehung beitrage als auch massiv von dessen Folgen betroffen sei. Daraus resultiere ein grundlegender Zielkonflikt, der politisch aufgelöst werden müsse. Pauschale Aufwandsentschädigungen seien dabei kein geeigneter Lösungsansatz, da sie strukturelle Probleme nicht beseitigten. Stattdessen brauche es klare, zukunftsweisende Antworten auf europäischer Ebene. Ein besonderer Fokus lag auf der Digitalisierung, bei der es darum gehe, Abhängigkeiten zu reduzieren und gleichzeitig einen offenen Zugang zu Daten und Technologien zu gewährleisten. Letztlich gehe es um die Sicherung von Wettbewerbsfähigkeit, wobei weniger theoretische Debatten, sondern vielmehr konkrete Umsetzungsschritte erforderlich seien.
Ein weiterer Schwerpunkt des Forums war die Diskussion über internationale Handelsabkommen. Grundsätzlich bestand Einigkeit darüber, dass diese für die europäische Landwirtschaft von großer Bedeutung sind. Gleichzeitig wurde betont, dass sie nur unter fairen Rahmenbedingungen funktionieren können. Einheitliche Standards und gleiche Wettbewerbsbedingungen wurden sowohl vom DBV als auch von der DLG als zentrale Voraussetzung genannt. Die EU-Kommission verfolgt in diesem Zusammenhang einen differenzierten Ansatz, indem sensible Sektoren wie Rindfleisch, Zucker und Geflügel bewusst aus Verhandlungen herausgehalten werden sollen. Zugleich sollen Zulassungsverfahren beschleunigt und Kontrollen, etwa an Häfen, verbessert werden, um Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden. Aus Sicht der mitteldeutschen Landesbauernverbände wurde ergänzt, dass die öffentliche Debatte über Handelsabkommen häufig emotional geprägt sei, während betriebliche Entscheidungen in der Praxis deutlich rationaler ausfielen.
Besonders kontrovers verlief die Diskussion über die zukünftige Ausgestaltung der Agrarförderung. Im Zentrum stand die Frage, wie Fördermittel zielgerichtet und gerecht verteilt werden können. Die Vertreter der mitteldeutschen Landesbauernverbände machten deutlich, dass auch ostdeutsche Betriebe auf Unterstützung angewiesen seien, jedoch durch unterschiedliche finanzielle Spielräume der Bundesländer benachteiligt würden. Entscheidend sei eine gleichwertige Behandlung unabhängig vom Standort. Die DLG kritisierte in diesem Zusammenhang die Unschärfe des Begriffs „Bedürftigkeit“ und stellte infrage, ob dieser Ansatz den zentralen Herausforderungen gerecht werde. Der DBV lehnte Bedürftigkeitsprüfungen ebenso wie Kappung und Degression grundsätzlich ab und forderte stattdessen einen konsequenten Bürokratieabbau. Die EU-Kommission hielt dem entgegen, dass neue politische Schwerpunkte innerhalb eines begrenzten Budgets finanziert werden müssten, was zwangsläufig zu Umverteilungen führe.
Das Agrarpolitische Forum machte damit deutlich, wie komplex die aktuellen Herausforderungen der europäischen Landwirtschaft sind. Zwischen regional unterschiedlichen Ausgangsbedingungen, politischen Zielkonflikten und globalen Wettbewerbsanforderungen zeichnet sich kein einfacher Lösungsweg ab. Klar wurde jedoch, dass die kommende Förderperiode nur dann erfolgreich gestaltet werden kann, wenn es gelingt, bürokratische Hürden abzubauen, finanzielle Strukturen klar zu definieren und die Wettbewerbsfähigkeit der landwirtschaftlichen Betriebe nachhaltig zu sichern.